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Hermann Görings Sammlung : Für die Kunst ließ er rauben und morden

  • -Aktualisiert am

Das Bayerische Nationalmuseum in München hat die Herkunft der eigenen Bestände aus Hermann Görings Sammlung aufgearbeitet. Das Ergebnis der Sichtung ist ebenso ehrenwert wie niederschmetternd.

          Fast siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat das Bayerische Nationalmuseum in München Bestände erforscht, die vor 1945 vielfach durch Raub und Erpressung zusammengetragen wurden. Sie gehörten zur Kunstsammlung von Hermann Göring, der neben Adolf Hitler die meisten Werke im Nationalsozialismus zusammenraffte. Göring, von 1935 an Oberbefehlshaber der Luftwaffe, versuchte sich mit Hilfe der Kunst als Renaissancemensch zu inszenieren, als Universalgelehrter, Kulturfürst, dessen Sitz das nördlich von Berlin gelegene Carinhall sein sollte. Sein Ehrgeiz war bekanntlich grausam und ausufernd: Von seinem Hofmaler Gerhard Löbenberg ließ er sich in Großformat das Wild abpinseln, das er auf seinen Jagdzügen schoss. Die Wände schmückten Tapisserien, Gemälde Alter Meister, und eine besondere Leidenschaft galt Ritter- und ausgerechnet Madonnenfiguren aus dem Spätmittelalter und der Renaissance. Für die Werke, die man haben wollte, ließ er rauben und morden.

          Ein Teil ebendieser Ritter- und Madonnendarstellungen befindet sich heute im Bayerischen Nationalmuseum, das die Herkunft der Stücke nun aufgearbeitet hat. Das Ergebnis dieser Sichtung ist ebenso ehrenwert wie niederschmetternd. Ehrenwert, weil endlich Licht ins Dunkle fällt und sich eine neue Generation von Museumsmitarbeitern auf die Suche begibt, die in den Jahrzehnten zuvor erfolgreich verhindert wurde. Erforscht wurde die Herkunft von 72 Skulpturen, die zusammen mit knapp 350 weiteren Werken zwischen 1961 und 1994 aus dem Besitz des Freistaates Bayern in die Sammlung des Museums gelangten; es handelt sich also um die Restbestände, die von den Alliierten nach dem Krieg nicht sofort restituiert werden konnten und deshalb an das Land Bayern übergeben wurden. Für die Recherche holte sich das Nationalmuseum Hilfe von außen, von einer unabhängigen renommierten Kunsthistorikerin: In zwei Jahren hat Ilse von zur Mühlen Stück für Stück untersucht, in Archiven gewühlt, in Datenbanken recherchiert, sich mit Kollegen vernetzt und Dossiers erstellt.

          Den Kunsthandel kümmert es kaum

          Was ist an dieser guten Nachricht niederschmetternd? Das Ergebnis lässt sich in Zahlen beziffern: Nur in drei Fällen lässt sich ein NS-verfolgungsbedingter Entzug ausschließen, Göring mag die Besitzer mit geklautem Geld bezahlt haben, aber immerhin verkauften diese freiwillig. In fünfzehn Fällen liegt der Verdacht nahe, dass es sich um Raubkunst handelt, in sechs davon gibt es sogar einen dringenden Verdacht. Bei der Mehrzahl, etwa fünfzig Bildwerken, ließ sich der Vorbesitz zwischen 1933 und 1945 nicht lückenlos ermitteln. Man tappt, trotz aller Anstrengungen, also weiter im Dunkeln. Das Labyrinth der Verweise mündet häufig in eine Sackgasse - oder bei der nächsten Blackbox. Ein Beispiel: Ein dreiteiliger Altarschrein aus dem sechzehnten Jahrhundert, er stammt aus einer Kirche in Straußfurt, wurde von Göring aus dem Pfandbesitz der Dresdner Bank angekauft. Es handelte sich um die Sicherheit für aufgenommene Kredite der jüdischen Kunsthandlung Bernheimer. Erst jetzt hat sich ein Forscherteam in Berlin daran gemacht, das große Konvolut dieser Pfandbesitze der Dresdner Bank aufzuarbeiten. Vielleicht lässt sich dann herausfinden, ob Bernheimer beraubt wurde.

          Das Münchner Museum präsentiert die Ergebnisse in einem eigenen Raum, weitere Hinweise auf Stücke, die von Göring stammen und noch unerforscht sind, geben Schilder in der ständigen Sammlung. Bisher wurde aus Görings Raubgut ein einziges Werk restituiert, eine flämische Tapisserie. Die neuen offenen Fälle werden auf der Website des Museums online gestellt und außerdem in die Datenbank Lostart eingespeist. „Wir hoffen“, sagte Matthias Weniger, der als Mitarbeiter des Museums das Projekt betreute, gegenüber dieser Zeitung, „dass wir durch die Veröffentlichungen weitere Fälle klären können.“ Für Provenienzforschung gibt es seit neuestem einen eigenen Mitarbeiter am Haus, um die gesamte Sammlung systematisch zu durchleuchten.

          Dem Kunsthandel scheint die Provenienz Göring kaum Kopfzerbrechen zu bereiten. Das geschnitzte Relief einer Trauergruppe, entstanden um 1500, wurde vor wenigen Monaten vom Auktionshaus Lempertz für 244.000 Euro versteigert. Das Bayerische Nationalmuseum hatte das Auktionshaus auf die Verbindung zu Göring hingewiesen, die auch im Katalog genannt wurde. Der Zuschlagpreis lag weit über dem oberen Schätzwert.

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