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Gustav Klimt : Für "Adele II" und einen Birkenwald

Wie gerne würde man die vier Gemälde von Gustav Klimt, die nach einem lange dauernden Restitutionsstreit im November bei Christie's versteigert werden, in einem Museum wiederfinden. Doch die Preisvorstellungen der Erbin sind exorbitant.

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          Nun ist auch das offiziell: Die verbliebenen vier der bedeutenden fünf Gemälde von Gustav Klimt aus dem Nachlaß von Adele und Ferdinand Bloch-Bauer, die Anfang dieses Jahres von Österreich an die in Amerika lebende Erbin restituiert wurden, sollen am 8. November im Rahmen der Auktion mit Impressionismus und Moderne bei Christie's in New York versteigert werden. Nach einem sechs Jahre währenden Rechtsstreit hatte ein Schiedsgericht in Österreich die Werke, die zuvor in der Österreichischen Staatsgalerie im Oberen Belvedere in Wien hingen, der neunzigjährigen Maria Altmann in Los Angeles zugesprochen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Das berühmteste der fünf Bilder, das goldene Porträt „Adele Bloch-Bauer I“ von 1907, hat bereits im Juni der Kosmetik-Unternehmer und Sammler Ronald Lauder für sein Museum deutscher und österreichischer Kunst, die „Neue Galerie“ in New York, erworben - für den absoluten Höchstpreis von angeblich 135 Millionen Dollar und in einer privaten Transaktion, bei der bereits die Firma Christie's vermittelnd tätig war. Am 7. August dann beauftragte die Familie der Erbin Christie's mit der Beratung beim Verkauf der verbliebenen vier Gemälde. Man habe den Erben, so steht es jetzt in einer Mitteilung des Auktionshauses, zur öffentlichen Versteigerung geraten - mit dem erklärten Ziel, die Bilder in „superben Sammlungen“ zu plazieren: ein dankenswertes Vorhaben, an dem sich das Haus wird messen lassen müssen.

          Exorbitante Preisvorstellungen

          Implizit nährt diese Ankündigung auch eine Vermutung: Keine möglicherweise am Erwerb eines der Bilder interessierte Person oder Institution, weder in Österreich oder in ganz Europa noch in den Vereinigten Staaten, war bis dahin in der Lage, den Preisvorstellungen der Erben und ihrer Berater gerecht zu werden. Denn sonst hätte wohl das Los Angeles County Museum of Art, wo die Bilder im April nach der Restitution ausgestellt waren, seine Chance genutzt - oder, vielleicht einmal mehr, die Neue Galerie, wo sie noch alle fünf bis zum 9. Oktober zu sehen sind. Ronald Lauder hätte man auch die zärtliche „Adele II“ von 1912 (für die Christie's vierzig bis sechzig Millionen Dollar erwartet) zugetraut und für sie den Platz bei der „Goldenen Adele“ erhofft; aber das mag Wunschdenken gewesen sein.

          Nun hat sich im Fall der Bloch-Bauer-Bilder in der „New York Times“ - deren Berichterstattung über den Kunstmarkt zwar intensiv, kenntnisreich und schnell in Hinblick auf Herkunft und Wege einzelner Werke ist, die sich aber üblicherweise kulturpolitischer Einlassungen dabei enthält - Michael Kimmelman, der einflußreiche Kunstkritiker des Blattes, zu Wort gemeldet unter der Schlagzeile: „Die Klimts gehen auf den Markt. Die Museen halten den Atem an“. Kimmelman schreibt: „Wie traurig - wenngleich nicht überraschend - ist es zu hören, daß die Erben von Ferdinand und Adele Bloch-Bauer tatsächlich Kasse machen („cashing in“) wie geplant und die vier Klimts bei Christie's im November verkaufen. Eine Geschichte über Gerechtigkeit und Einlösung nach dem Holocaust ist nun doch in eine weitere Fabel über den verrückten, berauschenden Kunstmarkt übergegangen.“ Und Kimmelman fährt fort: „Wäre es nicht bemerkenswert gewesen (ich träume hier nur), wenn die Erben sich statt dessen entschlossen hätten, eines oder mehrere der Gemälde einer öffentlichen Institution zu stiften? Oder, mangels dessen, einen privaten Verkauf an ein Museum auszuhandeln, zu einem Preis unterhalb der Schätzungen des Auktionshauses zwischen fünfzehn und sechzig Millionen Dollar?“

          In öffentliche Hände gewünscht

          Kimmelman weist auf das Verdienst der Museen hin, den Klimt-Bildern noch mehr Prestige und Beachtung eingebracht zu haben, und sein kluger geschulter Blick gilt vor allem dem wunderschönen „Birkenwald“ (oder auch „Buchenwald“) aus dem Jahr 1903 (der jetzt auf zwanzig bis dreißig Millionen Dollar geschätzt ist): Ihn wünschte er sich am meisten von den Erben in öffentliche Hände übergeben und befindet, daß sie so „die Rechtschaffenheit ihrer Schlacht um die Restitution unterstrichen“ hätten und zudem klargestellt, daß „Kunst, selbst in diesen geldversessenen Tagen, nicht nur von Geld handelt“.

          Michael Kimmelmans Artikel hat den Charakter einer emphatischen Erinnerung: Er appelliert an den zutiefst amerikanischen Gemeinsinn und ruft die große amerikanische Tradition der Stiftungen und Schenkungen ins Gedächtnis, in der sich der Geist gesellschaftlicher Verantwortung so vorbildlich wie eindrucksvoll spiegelt; diese Gepflogenheit hat die Museen in den Vereinigten Staaten zu den Schatzhäusern gemacht, die sie sind. Und vielleicht ist Amerika ja noch immer das Land, in dem Michael Kimmelmans Stimme Gehör findet.

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