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Fälschungsskandal : Schlimmer als gedacht

Der Kunstskandal, der als „Fall Jägers“ bekannt wurde, weitet sich aus. Es geht inzwischen um mehr als dreißig Fälschungen und um eine Fälscherbande.

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          Es ist gerade beinahe unheimlich still um jenen Fälschungsskandal, der hinter den Kulissen zweifelsohne die gesamte Kunstwelt weiterhin in Atem hält. Gemeint sind die Gemälde aus der für einige Jahre ausgesprochen fruchtbaren „Sammlung Jägers“ in Köln, an deren Existenz heute allerdings niemand mehr glaubt.

          Aus dieser - übrigens auch schon früher keinem Eingeweihten bekannten, sondern mit einer gewissen, jähen Plötzlichkeit aus dem Nichts erstandenen - Sammlung sollten zunächst, als die Affäre publik wurde, vielleicht fünf, dann acht Fälschungen in den deutschen und den internationalen Auktionsmarkt und Kunsthandel eingeflossen sein. Sie bewegten sich sämtlich im mindestens hohen fünfstelligen, überwiegend im sechsstelligen Bereich, bis hin zu jenem großformatigen Campendonk-Falsifikat „Rotes Bild mit Pferden“, das bei Lempertz in Köln 2006 für 2,4 Millionen Euro an eine Gesellschaft in Malta zugeschlagen wurde.

          Das wäre soweit schon schädlich genug gewesen - aber es kommt ja stets schlimmer, als man denkt: Inzwischen ist, wenngleich nicht offiziell, so doch aus besten Quellen, von mehr als dreißig solcher Fälschungen zu hören; fünfundzwanzig davon können als gesichert gelten. Sie kursierten nicht nur in Auktionen, sondern auch im Handel und über andere private Kanäle. Die Staatsanwaltschaft in Köln, die neben dem Landeskriminalamt Berlin mit der Untersuchung des „Fall Jägers“ betraut ist, will diese Angaben auf Anfrage nicht bestätigen und sich auch sonst mit keiner Information festlegen, solange die Untersuchungen laufen.

          Es gibt dennoch Anlass zu manchen Überlegungen, ehe die Geschichte offiziell weitergeht - was dauern kann angesichts der aufwendigen polizeilichen Recherchen. Seit einigen Wochen sitzen, wie berichtet, die zwei Enkelinnen des 1992 gestorbenen Werner Jägers in Untersuchungshaft, Frauen in ihren Fünfzigern, samt dem Mann einer der beiden, der wohl ein Künstler ist. Sie wurden im schönen Freiburg im Breisgau festgenommen, wo das gar nicht so lange zugezogene Ehepaar ein lebendiges gesellschaftliches Leben geführt haben soll. Nun ist es ja von Freiburg aus ein Katzensprung nach Frankreich - und just von dort, so heißt es weiter, sollen die Rahmen für eine ganze Menge dieser Jägers-Machwerke stammen.

          Dilettantisch getürkte Klebezettel

          Gewiss stehen die Freiburger Neubürger, die überdies ein Haus in Südfrankreich besitzen, im Zentrum des üblen Treibens. Allerdings: Kann es denn ernsthaft sein, dass dieser eine Mann in den letzten - sagen wir einmal zwanzig - Jahren rund dreißig Bilder nachgemalt hat? Nicht irgendwelche Gemälde, sondern von so unterschiedlichen Künstlern wie Pechstein und Derain, Campendonk und Max Ernst, Metzinger und Dufy, Kees van Dongen und Léger? Und das Ganze gleich fast durchwegs so großartig, dass wir an die Virtuosität eines Einzelnen glauben sollen? Die ins Feld geführt worden ist, um die frappante Gutgläubigkeit sämtlicher Akquisitionen von „Jägers“-Werken zu erklären?

          Es ist erstens bekannt, dass die „großen“ Fälscher stets auf „ihren“ oder „ihre“ wenigen Künstler spezialisiert waren. Zweitens würden einem wirklich „genialen“ Fälscher kaum solche Schnitzer unterlaufen wie eben die stereotype französische Rahmung bei ganz unterschiedlichen Künstlern oder die, am Ende doch dilettantisch getürkten Klebezettel auf den Rückseiten - nicht nur mit der Herkunft Flechtheim, sondern auch anderer Provenienzen.

          Damit dieser unglaubliche Betrug aber überhaupt so lange gutgehen konnte, ist wohl eher von einer Fälscherbande auszugehen: Es muss, neben dem oder den Malern, Helfer gegeben haben mit restauratorischen Fähigkeiten, um das angebliche Alter der Werke wenigstens auf den ersten Blick plausibel zu machen, und mit kunsthistorischen Kenntnissen, um die Provenienzen zu konstruieren. Dabei haben sie Fehler gemacht; genial waren sie wahrhaftig nicht. Und etwas hat ihnen ihr böses Spiel womöglich zumindest erleichtert: eine gewisse Sehschwäche mancher Akteure in einem extrem kompetitiven Markt.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

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