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Foto-Editionen : Empfindliche Werte

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Fotokunst in limitierter Auflage hat sich im obersten Segment des Kunstmarkts etabliert. Bei Altersspuren stellen sich rechtliche und künstlerische Fragen: Wie wirken sich Neuproduktionen auf die Editionen aus?

          Marias Kleid und Schleier wirken fleckig; Leonardo hat sie seiner „Madonna mit der Nelke“ um 1475 strahlend ultramarinblau gemalt, als Symbol für Schutz und Reinheit. Heute erscheint das wertvolle Lapislazuli-Blau ein wenig stumpf und ist von Craquelé-Rissen durchzogen. Eine Fotografie, in der Bildmitte von Joseph Beuys mit rotem Stift signiert, zeigt ihn selbst im Profil neben Andy Warhol. Warhols Gesicht ist gelb-bräunlich verfärbt, die einst knallrote Signatur von Beuys kaum noch zu erkennen. Alle Kunst ist vergänglich - nur dauern die Prozesse bei Alten Meistern viel länger als bei Werken der Fotokunst. Denn Fotos, das weiß jeder aus eigener Anschauung, können mit der Zeit verblassen.

          Das tut dem Erfolg dieser Kunstgattung offensichtlich keinen Abbruch. Foto-Editionen - also Fotokunst in Auflagen von mehreren Exemplaren - von Künstlern wie Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Struth oder Thomas Demand, um nur einige der profilierten Fotokünstler aus Deutschland zu nennen, haben das Genre populär gemacht. Werke von Struth oder Gursky erzielen siebenstellige Auktionsergebnisse. Anfang Mai wurde das „Pantheon“ von Struth bei Sotheby’s in New York für 1,81 Millionen Dollar, inklusive Aufgeld, versteigert; es handelte sich um ein Exemplar aus einer Auflage von zehn. Im November 2011 erzielte Gurskys „Rhein II“ bei Christie’s in New York 4,33 Millionen Dollar und war damit zeitweilig die teuerste Fotografie der Welt; es handelte sich um eines von sechs Exemplaren.

          Wie sind Editionen limitiert?

          Die Akzeptanz von Foto-Editionen im Kunstmarkt ist ohne das Vertrauen der Sammler in die Limitierung der Anzahl gehandelter Exemplare eines Werks nicht denkbar. Denn im Prinzip sind jedenfalls digitale Fotografien beliebig und unbegrenzt reproduzierbar - Gift für den sensiblen Kunstmarkt. Es liegt deshalb nicht zuletzt im eigenen Interesse des Künstlers, die einmal selbst vorgegebene Limitierung einzuhalten. Käufer sollen diese Beschränkung selbst nachvollziehen können: Wer das Exemplar 2/6 + 2 APs eines Werks kauft, erwirbt das zweite Exemplar einer Auflage von (höchstens) sechs Stück. Zusätzlich gibt es zwei Künstlerexemplare (Artist’s Proofs, APs oder Épreuves d’artiste, E.A.). Bei analogen Druckwerken waren die Künstlerexemplare ursprünglich Probeabzüge zur Bestimmung der Druckqualität. Heute entsprechen sie in der Regel den numerierten Exemplaren und gelten als vollwertige Kunstwerke; der Künstler kann über sie wie über die numerierten Exemplare frei verfügen. Der Käufer in unserem Beispiel weiß jedenfalls, dass es maximal sieben weitere Exemplare „seines“ Werks auf dem Markt geben wird.

          Bei Künstlern, die eine starke Präsenz auf dem internationalen Auktionsmarkt haben, sorgt dabei der Markt selbst für Transparenz: Es würde schnell offenbar, kämen zusätzliche Exemplare eines Werks auf den Markt oder gar mehrere Exemplare mit einer identischen Editionsnummer. Bei den seriösen Fotokünstlern dürfte daher der zuletzt am Rande des Achenbach-Prozesses geäußerte Verdacht, Künstler weichten aus Profitstreben ihre Editionen durch zusätzliche Exemplare auf, unbegründet sein; sie würden sich damit selbst schaden. Schwarze Schafe mag es dennoch geben. Würde allerdings ein Künstler die einmal festgelegte Editionszahl willkürlich erhöhen und zusätzliche Exemplare in den Markt geben oder gar eine Editionsnummer doppelt vergeben, können einem Käufer, der sein Exemplar im Vertrauen auf die Limitierung der Edition gekauft hat, Gewährleistungsansprüche zustehen; denn ein Stück aus einer Edition verliert an Wert, je höher die Auflage ist.

          Es ist jedoch nicht von vornherein zu beanstanden, wenn der Künstler über die Edition hinaus zusätzliche Kopien seiner Werke besitzt: Anerkannt ist etwa die Existenz zusätzlicher (nicht numerierter) Ausstellungskopien, die der Künstler Dritten für Ausstellungen zur Verfügung stellt. Viele Sammler verleihen ihre lichtsensible Fotokunst wegen ihres hohen Werts nur noch ungern. Zudem können schon Transport und Versicherung die Kosten einer Neuproduktion übersteigen. Viele große Ausstellungen wären ohne Ausstellungskopien aus dem Eigenbesitz der Künstler deshalb überhaupt nicht zu realisieren. Solange die Ausstellungskopien nicht in den Handel geraten, ist ihre Existenz unproblematisch. Um die Abgrenzung zur verkäuflichen Auflage zu wahren, ist zu empfehlen, dass die Ausstellungskopien als solche gekennzeichnet werden.

          Wenn die Regeln der Üblichkeit nicht mehr gelten dürften

          Welche Ansprüche aber hat ein Sammler, dessen für viel Geld erworbenes Foto langsam zu verblassen droht? Kann er Ersatz durch einen neuen Abzug verlangen? C-Prints aus den neunziger Jahren etwa gelten als anfällig dafür, dass die Farbintensität der Bilder mit der Zeit nachlässt. Sie bleichen aus; was manche Sammler als normale Patina schätzen, ist anderen ein Ärgernis. Es gilt auch hier das Mängelgewährleistungsrecht des Bürgerlichen Gesetzbuchs: Ein Kunstwerk als Sache ist frei von Sachmängeln, wenn es bei Gefahrübergang (in der Regel Übergabe an den Transporteur des Käufers) die vereinbarte Beschaffenheit hat. Fehlen konkrete Absprachen über die Beschaffenheit und die Verwendung des Kunstwerks, ist letztendlich die übliche Beschaffenheit maßgeblich, die der Käufer nach der Art der Sache erwarten darf.

          Gerade bei analogen Farbabzügen ist allgemein bekannt, dass Farbintensität und Kontraste im Laufe der Zeit - beeinflusst von den Umständen der Lagerung - abnehmen. Normale Verfallserscheinungen eines Fotokunstwerks, die bei einer gängigen Abzugstechnik regelmäßig auftreten, begründen daher regelmäßig keine Mängelansprüche. Mangelhaft kann ein Werk der Fotokunst allerdings dann sein, wenn bei seiner Herstellung die geltenden Regeln der Technik nicht eingehalten wurden, etwa im Fall einer fehlerhaften Fixierung. In diesem Fall können dem Sammler Ansprüche auf Nacherfüllung und Schadensersatz zustehen. Auch diese Regel kennt Ausnahmen, wenn etwa ein Künstler den vorzeitigen Verfallsprozess bewusst herbeiführt und als künstlerisches Mittel einsetzt.

          Diesen Topos findet man auch in der Malerei: Gerhard Hoehme zum Beispiel ließ sich ein „Hoehme-Weiß“ mischen, das zu einer vorzeitigen Rissbildung (Craquelé) seiner Bilder führte. In solchen Fällen dürften die Regeln der Üblichkeit nicht mehr gelten: Einem Sammler sollten keine Ansprüche wegen eines vom Künstler gewollten Effekts zustehen. Um Streitigkeiten zu vermeiden, ist allerdings zu empfehlen, auf solche gewollten Sondereffekte schon beim Kauf hinzuweisen. Dem zweifelnden Käufer des nun vergilbten Beuys-Fotos wollte der Galerist erst nachträglich weismachen, dass Joseph Beuys diesen Effekt sicher geschätzt hätte.

          Was passiert bei Neuproduktionen?

          In der Praxis werden Mängelansprüche wegen verblassender Fotokunst indes häufig schon durch die Verjährung abgeschnitten, die auch bei Kunstwerken regelmäßig bereits zwei Jahre nach dem Kauf eintritt - sofern sich der Verkäufer darauf beruft. Somit ist ein Sammler, der eine Neuproduktion eines verblassten Fotowerks begehrt, in aller Regel auf das Wohlwollen des Künstlers angewiesen. Der Sammler mag dabei hoffen, dass es auch im Interesse des Künstlers liegt, nur farbfrische Exemplare seiner Werke ausgestellt zu sehen. Umgekehrt kann aber auch der Künstler den Austausch einer verkauften Arbeit in aller Regel nicht gegen den Willen des Sammlers durchsetzen. Sein Eigentum berechtigt den Sammler grundsätzlich, auch das gealterte Foto öffentlich auszustellen. Etwas anderes ist nur denkbar, wenn die Ausstellung das Urheberpersönlichkeitsrecht des Künstlers verletzen würde: etwa bei außergewöhnlichen Schäden, welche die Reputation des Künstlers erheblich beeinträchtigen würden. Übliche Alterungserscheinungen genügen dafür regelmäßig nicht.

          Einigen sich Künstler und Sammler auf die Neuproduktion eines Exemplars einer Foto-Edition, wirft dies Fragen mit Blick auf die weiteren Exemplare auf. Denn die Neuproduktion ist in der Praxis selten eine „reine“ Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands der Arbeit. Wird etwa ein Fotowerk aus den frühen neunziger Jahren neu produziert, stehen dem Künstler heute ganz andere technische Verfahren zur Verfügung, Techniken, die das Foto brillanter und vor allem länger haltbar machen. Teils sind die alten Verfahren gar nicht mehr oder nur noch mit unverhältnismäßigem Aufwand wiederholbar. So unterscheidet sich die Neuproduktion oft schon technisch von der ursprünglichen Arbeit.

          Das neu produzierte Exemplar „ersetzt“ das ursprüngliche

          Manche Fotokünstler nehmen sich darüber hinaus die Freiheit, ihre Werke im Zuge der Neuproduktion einer Neubewertung oder Aktualisierung zu unterwerfen, die unabhängig von technischen Zwängen zu einer ästhetischen Veränderung des Werks führt. Diese Veränderungen können etwa die Größe der Weißrahmen um das eigentliche Foto betreffen, aber auch den konkreten Bildausschnitt und Bildmaße. Konstante des Werks bleibt dann nur noch das eigentliche Bildmotiv. Künstlerisch ist gegen eine solche Neubewertung des Werks durch den Künstler selbst - die übrigens auch die noch nicht veräußerten Exemplare der Edition betreffen kann - nichts einzuwenden. Bei einem Maler gilt es als selbstverständlich, dass er Bilder im Atelier nachträglich verändern kann. Wenn ein Fotokünstler für sich entscheidet, sein Werk nicht als statisch und abgeschlossen zu betrachten, müssen solche nachträglichen Änderungen grundsätzlich auch ihm freistehen.

          Das ursprüngliche Exemplar wird in der Regel durch das neu produzierte Exemplar „ersetzt“: Das neue Exemplar trägt die für das ursprüngliche Exemplar vergebene Editionsnummer. Die Neuproduktion trägt üblicherweise weiterhin das Entstehungsjahr der ursprünglichen Fassung. Häufig wird auf der Neuproduktion zusätzlich das Jahr ihrer Anfertigung vermerkt. Rechtliche Ansprüche der Besitzer der nicht neu produzierten Exemplare folgen aus diesem Austausch grundsätzlich nicht - jedenfalls dann nicht, wenn das ersetzte Exemplar dem Markt entzogen wird.

          Wichtig sind klare Regelungen im Vorfeld

          Dann nämlich wird die Begrenzung der Auflage nicht überschritten und die Eigentümer der ursprünglichen Exemplare erleiden keinen Schaden. Im Gegenteil lässt sich sogar argumentieren, dass durch die Individualisierung innerhalb der Edition der Wert der verbleibenden ursprünglichen Exemplare steigen könnte. Um - auch im Hinblick auf den Markt - für Klarheit bezüglich der Auflagenbegrenzung zu sorgen, kann es ratsam sein, das ersetzte ursprüngliche Exemplar zu zerstören. Einige Künstler bestehen auf dem Nachweis der Zerstörung (Fotodokumentation oder Lieferung der ausgeschnittenen Signatur), bevor sie die Neuproduktion freigeben.

          Den Beteiligten ist zu raten, die Modalitäten einer Neuproduktion im Vorhinein klar festzulegen. Das Einverständnis zu einer Neuproduktion sollte dabei nicht nur der Künstler, sondern auch der Eigentümer des jeweiligen Werks gründlich abwägen. Zwar mag die Makellosigkeit eines Werks auf dem zeitgenössischen Kunstmarkt eine wichtige Rolle spielen, vor allem beim Verkauf über ein Auktionshaus. Ein Museum hingegen wird möglicherweise den kunsthistorischen Wert des „natürlich“ gealterten Werks höher schätzen als eine brillante Neuproduktion. Die Frage aber, wie sich der künstlerische Wert der Neuproduktion gegenüber dem des ursprünglichen Exemplars langfristig entwickelt, wird überhaupt erst im Rückblick beantwortet werden können.

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