https://www.faz.net/-gyz-80dq4

Ein Elektriker vor Gericht : Wo kommen all die Picasso-Zeichnungen her?

Der Prozess um den sensationellen Picasso-Fund von Le Guennec geht in die letzte Runde. Die Frage ist, ob der Kunsthandel die Fäden gezogen hat. Jacques Neuer, Anwalt der Erben, ist sich da sicher.

          Drei Tage dauerte der Prozess im südfranzösischen Grasse. An seinem Ende sprach der Anwalt der Kläger den - keineswegs reuigen - Angeklagten, die er nicht geschont hatte, sein Mitleid aus. Der Staatsanwalt fordert fünf Jahre Gefängnis - auf Bewährung, was bei diesem Strafmaß völlig ungewöhnlich ist.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Begonnen hatten die Verhandlungen mit einer Offenbarung: Der Richter inszenierte eine Vorführung mit Abbildungen von 271 Zeichnungen Pablo Picassos. Kaum einer hat sie je gesehen, auch den Erben waren sie bis vor kurzem unbekannt. Die Präsentation dauerte fast ein Stunde, während der es im Saal mucksmäuschenstill gewesen sein soll. An der Echtheit der Werke wird nicht gezweifelt. Sie stammen aus den früheren Epochen des Meisters, den Jahren 1905 bis 1932. Es handelt sich um Porträts von Freunden, Frauen, Verwandten, um kubistische Collagen, Bilder vom Strand, Harlekins. Zeitungen bezifferten ihren Wert auf hundert Millionen Euro - aber der Gerichtspräsident verwies darauf, dass diese Werke gar nie geschätzt worden sind. Ihre Bedeutung für das Schaffen Picassos und das Verständnis seines Œuvres beschrieb am ersten Tag Anne Baldassari, die bis vor kurzem das Picasso-Museum in Paris leitete.

          Aufgetaucht sind die Schätze vor vier Jahren. Der angeklagte Pierre Le Guennec, inzwischen über siebzig, und seine Frau Danielle hatten sie der Picasso Foundation vorgelegt. Die Stiftung wird von Claude Picasso, dem Sohn des Malers, geleitet und ist berechtigt, Echtheitszertifikate auszustellen. Le Guennec wollte von Claude Picasso diese Bestätigungen bekommen, wohl um die Arbeiten verkaufen zu können. Picasso rief die Polizei. Le Guennec und seine Frau wurden eine Weile in Untersuchungshaft gesteckt und die Werke von der Justiz beschlagnahmt. Vor Gericht erzählten die Le Guennecs dieselbe Geschichte wie schon der Polizei: Jacqueline Picasso habe ihnen die Blätter zwischen Tür und Angel zugesteckt - „Das ist für Sie“ -, ein paar Monate vor dem Tod des Künstlers 1973. In Picassos Haus arbeitete Le Guennec damals seit drei Jahren als Elektriker. In einer feuchten Garage hätten sie die „alten Papiere“ aufbewahrt in einer Mappe - und sie vergessen. Beim Aufräumen seien sie wieder darauf gestoßen.

          In seltener Einmütigkeit hat die Schar der Picasso-Kinder den Kampf gegen die Le Guennecs und um ihr eigenes Erbe geführt. Einzelne Arbeiten habe der generöse Vater gerne verschenkt, diese dann aber immer mit einer Widmung versehen. Dass er einen ganzen Teil seines Œuvres und Archivs weggegeben habe, sei völlig unvorstellbar. Hatte der Elektriker die Blätter zusammengeklaut? Der Picasso Foundation hatte er genaue Beschreibungen und Einordnungen geschickt; das Inventar habe er selbst verfasst, behauptete er vor Gericht. Dieser Anspruch war schnell erschüttert. Der Anwalt von Claude Picasso, Jacques Neuer, stellte ihm die einfachsten Fragen. Le Guennec konnte sie nie beantworten. Für Neuer ist Le Guennec ein Strohmann, hinter dem er eine ganze Kunsthandel-Mafia vermutet. Die Verteidigung des Angeklagten sei „von Genf aus ferngesteuert“, erklärte Neuer vor dem Gericht in Grasse. Le Guennecs Anwalt unterstellt er, ein Vertreter von Schweizer Kunsthändlern zu sein.

          Diese Wendung geschah aus reinem Zufall: Während der Untersuchung des Falls war im Auftrag eines Notars nach den Erben von Maurice Bresnu gesucht worden. Bresnu war Picassos Chauffeur, aber auch ein Mann seines Vertrauens, den er „Nounours“ (Bärchen) nannte. In Bresnus Hinterlassenschaft befanden sich zahlreiche Arbeiten von Picasso, andere hatte er zu Lebzeiten über die Genfer Galerie Krugier verkauft. Keines trug eine Widmung, manchmal schien die Signatur nachträglich angefügt worden zu sein. Bresnu starb als mehrfacher Millionär. Die damaligen Verkäufe wurden einer „geheimen Sammlung“ zugeschrieben; jetzt steht ziemlich sicher fest: Sie wurden vom „Bärchen“ Bresnu gestohlen - in großem Stil und möglicherweise in Absprache mit Händlern.

          Nur wegen der Suche nach den Erben Bresnus konnte ein Zusammenhang festgestellt werden: Le Guennec ist der Vetter von Maurice Bresnu; er vermittelte ihn an Picasso als Chauffeur. Das hatte Le Guennec in allen Verhören verschwiegen. Selbst diese Verwandtschaft benutzte Neuer, um den naiven Le Guennec als Marionette der „Genfer Anwälte“, die seiner Ansicht nach die Fäden zögen, darzustellen. Er brachte die Lügen in Verbindung mit dem aggressiven Vorgehen der Verteidiger, die im Verfahren versucht hatten, die Legitimität von Picassos vielen Kindern als Erben in Frage zu stellen.

          In der brutalen Welt des Kunsthandels

          Doch der Prozess hat - was Wunder - die Familie zusammengeschweißt, und Neuer stimmte in seinem Plädoyer das Hohelied auf sie an: „Dieser Prozess ist picassien - surrealistisch, unglaublich. Er hat der Welt den Beweis geliefert, dass die Picassos eine moderne Familie sind, mit mehreren Frauen, mehreren Kindern, ihren Streitereien, eine Patchwork-Familie wie eine kubistische Collage, sie ist das schönste postume Werk von Picasso.“ Das war aber auch so ziemlich der einzige Beweis, den dieser Prozess lieferte. Die Werke gehen an die ehelichen und unehelichen Besitzer, die selbst nichts von ihnen wussten, und auch der Staat wird sich via Erbschaftsteuer, die in Kunst bezahlt werden kann, zu bereichern wissen. Doch die Hintergründe bleiben im Dunkeln. Warum hat Le Guennec so lange gewartet - nicht nur, bis alle Zeugen tot waren? Inzwischen ist der Diebstahl verjährt. Nur wegen Hehlerei können der Elektriker und seine genauso überforderte Gattin belangt werden.

          „Sie tun mir leid“, sagte der Anwalt Jacques Neuer am Ende des Prozesses zu ihnen. Er sieht sie als Marionetten der „internationalen Weißwäscherei von Kunstwerken“, als Opfer - und „Gefangene“ - der „brutalen Welt des Kunsthandels“. Für den es heute sehr viel schwieriger wäre, die Stücke einzeln und ohne Echtheitszertifikat zu verkaufen. Der Staatsanwalt scheint die Dinge genauso zu sehen und forderte ein mildes Urteil. Das Gericht in Grasse wird es im März verkünden.

          Weitere Themen

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

          Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

          FAZ Plus Artikel: Eurofighter-Absturz : 50 Meter an der Katastrophe vorbei

          Ein Pilot stirbt, einer ist schwer verletzt – schlimm genug. Bei der Suche nach Wrackteilen der abgestürzten Eurofighter in Mecklenburg zeigt sich, dass es noch schlimmer hätte kommen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.