https://www.faz.net/-gyz-1503w

Design und Kunst : Die Mauer ist eingerissen

  • -Aktualisiert am

Heitere Kulturmelange: Die Grenze zwischen Kunst und Design existiert nicht mehr, doch einen politischen Antrieb sucht man vergebens.

          6 Min.

          In der ästhetischen Inszenierung des eigenen Lebens spielt neben der Mode und der Kunst das Interieur-Design seit den neunziger Jahren eine immer größere Rolle. Wohnkultur ist für die Konsumenten mittlerweile zu einem zentralen Lifestyle-Thema geworden. Der bisherige Erfolg der vor vier Jahren etablierten Messen „Design Miami“ und „Design Miami/Basel“ belegt dies deutlich. Exklusive und extravagante Möbel versprechen als neue Statussymbole soziales Prestige und die Möglichkeit, sich von den Heerscharen anderer Sammler zu unterscheiden.

          Anders ist es kaum zu erklären, dass zum Beispiel im April 2009 auf einer Londoner Auktion bei Phillips de Pury für die „Lockheed Lounge“ des australischen Designer-Stars Marc Newson mehr als 1,1 Millionen Pfund bezahlt wurden. Dabei handelt es sich nur um eine unbequeme, biomorph anmutende Chaiselongue aus silberglänzendem Aluminium, die in den achtziger Jahren produziert wurde. Zugegeben: Das Möbel hat zwar die Eleganz eines Automobils wie dem Bugatti Atalante aus den dreißiger Jahren, doch von dem Verkaufserlös können selbst erfolgsverwöhnte Maler meist nur träumen.

          Möbelobjekte als „sammelbare Skulpturen“

          Mittlerweile aber ist das Ende der Preisspirale erreicht: Das Rekordergebnis von Marc Newson konnte sich nicht wiederholen, ist also singulär geblieben. Bei der letzten Londoner Design-Auktion von Philipps de Pury am 15. Oktober 2009 war der Höhepunkt der Gefühle schon bei 150 000 Pfund erreicht. Mehr gab es für das bedeutende Bücherregal von Charlotte Perriand von 1950 nicht. Lediglich ein Sofa von Jean Royère aus der gleichen Zeit schaffte es ebenfalls in diese fast schon bescheiden wirkende Preisregion. Der Boom ist aufgrund der schwierigen weltwirtschaftlichen Lage also vorläufig vorbei.

          Trotzdem sind die Umstände, unter denen manches Design heute hergestellt, verkauft und wahrgenommen wird, höchst bemerkenswert. Marc Newson etwa bezeichnet seine Möbelobjekte als „sammelbare Skulpturen“. Und in der Tat nähert sich das Interieur-Design in seiner Erscheinung demonstrativ immer mehr der Kunst an, so dass man den Eindruck hat, manche Designer möchten tatsächlich am liebsten als Künstler wahrgenommen werden.

          Newsons prominenter Kollege Ron Arad baut Möbel, die aussehen, als könne man sie aufgrund ihrer exzentrischen Formen auch in den Skulpturenabteilungen von Kunstmuseen plazieren. Humberto und Fernando Campana aus Brasilien akkumulieren Plüschtiere erfolgreich zu ausladenden Sesseln, als wenn der Künstler Mike Kelley seine aneinandergenähten Plüschtiere aus den neunziger Jahren in Sitzmöbel umgeformt hätte. Der Designer Rolf Sachs bespritzt Stühle in Dripping-Technik mit Farbe, so dass sie aussehen wie transformierte Gemälde von Jackson Pollock. Und der Koreaner Kwangho Lee entwirft Lampen aus verknäulten Schnüren, die kaum noch ihrer Funktion als Leuchtkörper nachkommen und in ihrer sperrigen Ästhetik an die Objekte und Installationen von Eva Hesse aus den sechziger Jahren erinnern.

          Möbel in winzigen Auflagen

          Design ist demnach längst nicht mehr nur das rationale Gestalten von funktionalen Industrieprodukten. Die sogenannte „Design Art“ will vielmehr an der prestigeträchtigen Aura der Kunst teilhaben. Dies betrifft sowohl die immer artifizieller werdende Erscheinung der Arbeiten als auch deren Distributionsformen. So produzieren etwa Marc Newson und Ron Arad ihre Möbel in winzigen Auflagen von ein bis zehn Exemplaren. Das Begehren der Sammler soll durch diese künstliche Verknappung geschürt werden - ein einfaches, aber offensichtlich wirksames Marketingkonzept. Ron Arad gibt seine elitäre Geschäftspolitik ganz freimütig zu: „Wenn etwas teuer ist, lieben es die Menschen einfach zu wissen, dass sie das Privileg haben, ein Exemplar aus einer limitierten Edition zu besitzen.“ Dieser Einstellung haftet etwas Lächerliches an, da die Designer so tun, als wären sie Künstler, die eine Bronzeskulptur hergestellt hätten.

          Weitere Themen

          Fischbrötchen mal anders Video-Seite öffnen

          Norddeutsches Streetfood : Fischbrötchen mal anders

          Fisch und Brötchen - mehr braucht es eigentlich nicht für das traditionelle Streetfood aus Norddeutschland. Doch Hamburger Gastronomen modernisieren den Klassiker mit frischen Ideen aus der internationalen Küche.

          Topmeldungen

          Rettungskräfte sind nach dem Zugunglück im Einsatz.

          Tschechien : Tödliches Zugunglück bei Prag

          Ein Nahverkehrszug rammt spät am Abend einen Güterzug, mindestens ein Mensch stirbt und Dutzende werden verletzt. Es ist die zweite derartige Kollision in Tschechien innerhalb einer Woche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.