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Der No-Budget-Oscar : Wenn die Nachtigall trapst

  • -Aktualisiert am

Daniel Richter hat für den „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ eine Statuette entworfen. Der instabile Singvogel besteht aus einer Handvoll goldiger Cent-Münzen.

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          Das Geld ist alle. In einer Woche wurden an den Handelsplätzen der Welt unglaubliche fünf Billionen Dollar vernichtet, und in der Kunstszene fragt man sich bange, was diese Entwicklung für das Kaufverhalten bedeutet: Gibt es einen Investitions-Run auf sichere Kunst-Werte oder bleibt das Geld fern? Die funkelnden Zeiten scheinen vorbei, überall werden Sponsoring- und Kulturetats zusammengestrichen, und diese prekäre Zeit hat jetzt ihren Ausdruck in einem Kunstwerk gefunden, das beides ist: ein Preis, ein Wert und ein hinreißendes Symbol für leere Taschen. Das Ding ist golden, aber eher ein Anti-Oscar, fragil statt muskulös - und es stellt den erstmals verliehenen Ehrenpreis der deutschen Schallplattenkritik dar.

          Am vergangenen Mittwoch nahm der amerikanische Pianist Murray Perahia die aus Centmünzen aufgetürmte goldene Statue entgegen, die leicht als eine trällernde Nachtigall zu erkennen ist. Entworfen hat sie Daniel Richter, den man bisher noch nicht als Bildhauer kannte - und gehauen ist dieses Bild ja auch nicht, eher aus den leeren Taschen zusammengekramt und so tollkühn ausbalanciert, als solle das Ding die Künstlerexistenz selbst darstellen. Zum einen, so der Künstler selbst, galt es, den Kitsch des geläufigen „Preisstatuen-Designs“ zu umgehen, und zum anderen auf die einzigartige Stellung des „Preises für deutsche Schallplattenkritik“ zu verweisen.

          Denn im Gegensatz zu dem wesentlich bekannteren Musikpreis „Echo“ kann sich dieser als Einziger als unabhängiger Preis bezeichnen: Hier sitzen keine großen Musikkonzerne im Backstage. Dass die Unabhängigkeit des Preises finanzielle Konsequenzen hat, liegt auf der Hand: Bisher handelte es sich deshalb um einen rein ideellen, undotierten Preis. Nun dürfen die Künstler beim „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ immerhin Kunst in Form eines hübschen Haufen Kleingelds nach Hause tragen. Bestätigten Gerüchten zufolge hat sich Daniel Richters Galerist Ropac ein paar der Statuen gesichert, und energisch bestrittenen Gerüchten zufolge kann man eine oder zwei der Figuren auch bei ihm kaufen. Immerhin, das kann man beim Oscar nicht. Für den Künstler war vor allem der praktische Faktor wichtig: Mit dem Preis, so Richter, könne man nicht nur Briefe beschweren, sondern auch Einbrecher erschlagen.

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