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Beutekunst zurückgegeben : Diplomatische Heimkehr

  • -Aktualisiert am

François Pinault, Besitzer von Christie’s, als Big Spender: China bekommt seine bronzenen Tierköpfe zurück. Wie die Plastiken zu Pinault gelangten, wissen nur die Beteiligten...

          Schlauer als die Chinesen kann man im Umgang mit Beutekunst wohl nicht vorgehen: Sie haben nie etwas verlangt - und bekommen es jetzt geschenkt zurück. Mit etwas Geduld, einer Portion Zynismus und viel Vertrauen in die eigene Macht hat das Land erreicht, was vor vier Jahren nach einer geplatzten Versteigerung kaum jemand für möglich hielt - und was nun plötzlich als schiere Selbstverständlichkeit erscheint: Die berühmten chinesischen Tierköpfe aus Bronze, eine Ratte und ein Kaninchen, kehren in ihre Heimat zurück. Dafür hatte schon der französische Nationaldichter Victor Hugo plädiert. Und mindestens achtzig Prozent der Franzosen sehen dies, wie eine Umfrage ergab, nicht anders.

          Die bronzenen Tierköpfe stammen aus dem Sommerpalast des Kaisers Qianlong, der im zweiten Opiumkrieg 1860 von den französischen und britischen Truppen geplündert wurde. Offensichtlich hatte sie der damals bei Peking stationierte General Elie de Vassoigne in seinem Privatbesitz behalten. Aus dessen Familie kamen sie einst zur Versteigerung - und dann wieder vor vier Jahren, als Pierre Bergé seine gemeinsam mit seinem Lebenspartner Yves Saint-Laurent zusammengebrachte Sammlung auflöste: China protestierte heftig, wie meist, wenn seine Raubkunst in den Verkauf gelangt, gegen die Gangster und Räuber. Stellte aber keine Forderung nach Rückgabe, für die es auch keine juristische Grundlage gibt. Die Tierköpfe durften angeboten werden.

          Ein Chinese übertrumpfte alle Gebote

          Die Versteigerung der Kollektion Bergé/Saint-Laurent wurde vom Auktionshaus Christie’s vorgenommen, das seit 1998 dem französischen Unternehmer, Milliardär und Kunst-Großsammler François Pinault gehört. Auch das chinesische Fernsehen war dabei. Alle Gebote wurden von einem Chinesen im Saal systematisch übertrumpft. Er bekam schließlich den Zuschlag für rund dreißig Millionen Euro. Erst später wurde bekannt, dass es sich um einen Mittelsmann des chinesischen Sammlers Cai Mingchao handelte, der selbst ein Auktionshaus besitzt.

          Doch in Paris traf kein Geld ein, die Zahlungsfrist wurde verlängert - ohne Erfolg. Die chinesische Kulturbehörde verneinte, in den Coup verwickelt zu sein. Mingchao begründete seinen Rückzieher schließlich mit dem Hinweis, dass es keinen Nachweis für die legale Herkunft der teuren Tierköpfe gebe und ihm China deswegen deren Einfuhr verweigere. Ein Nachverkauf an den Bieter mit dem zweithöchsten Gebot war inzwischen nicht mehr möglich und eine neuerliche Versteigerung undenkbar geworden.

          Millionenverlust für Christie's

          Über den Eigentümer Pierre Bergé waren die Chinesen ganz besonders empört, denn er hatte mehrfach die Verletzung der Menschenrechte in Tibet kritisiert. Ziemlich gelassen nahm er die Bronzen zurück: „So werden wir halt weiter zusammenleben, sie und ich. Sie kommen an ihren Platz links und rechts meines Picassos, den ich zu meiner Freude ebenfalls behalten habe, zurück.“ Schon bald allerdings gab es Gerüchte, wonach die Supermarkt-Kette „Carrefour“ zusammen mit anderen französischen Unternehmen, die nach China expandieren wollen, die Tierköpfe kaufen könnten.

          Jetzt haben sie sich bestätigt: Die Chinesen bekommen die ihnen zustehenden Tierköpfe, die sie nie offiziell einforderten und schließlich kauften, ohne zu bezahlen, zurück - geschenkt: Nicht von Pierre Bergé, der sein Geld in die Presse investiert und zum Miteigentümer der Tageszeitung „Le Monde“ wurde. Sondern von François Pinault, dem der - in China als patriotische Heldentat gefeierte Coup von Cai Mingchao - in Paris einen Prestigeschaden und einen Millionenverlust eingebrockt hatte. Pinault hat soeben in Schanghai eine Filiale seines Auktionshauses Christie’s eröffnet (F.A.Z. vom 20. April). Es wäre allzu schnöde gewesen, dieses Ereignis mit dem Geschenk der beiden Tierköpfe zu feiern. Wie sie von Bergé zu Pinault gekommen sind, wissen nur die Beteiligen - und schweigen in perfekter diplomatischer Manier.

          Rückkehr in prominenter Begleitung

          Nach Hause zurückgebracht aber hat sie der Staatspräsident persönlich. Mit zahlreichen Geschäftsleuten im Schlepptau und einem schweren Ratten- und Kaninchenkopf im Gepäck als Geschenk an die Gastgeber hat François Hollande Ende April China besucht. Sechzig Airbusse konnte er dem Land verkaufen. Und über die Menschenrechte hat er nur sehr allgemein und unverbindlich geredet.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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