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Aus dem ZADIK : Geheimrat Justi ist ein wichtiger wie schwieriger Kunde

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Gut dokumentiert sind die Besuche des damaligen Direktors der Nationalgalerie in der Galerie Thannhauser Anfang der dreißiger Jahre. Justi möchte ein Gemälde von Matisse ankaufen - ein nervenaufreibendes Unterfangen.

          Rund dreitausend Namen umfasst die Kundenkartei der Galerie Thannhauser für die Berliner Jahre von 1927 bis 1937, die im Zadik verwahrt ist. Die Namen sind auf Umschläge geschrieben, die mindestens ein Blatt, manchmal bis zu vierzig Blätter Durchschlagpapier enthalten; von ihnen sind inzwischen rund elftausend digitalisiert. Die Durchschläge waren für das 1909 gegründete Münchner Stammhaus bestimmt, das man wegen zunehmender antisemitischer Anfeindungen Ende 1928 aufgeben musste. Im Juni 1927 hatte man ein neues großes Haus in Berlin in der Bellevuestraße 13 eröffnet, außerdem kamen die Galeriebestände der Galerie Rosengart in Luzern zugute. Siegfried Rosengart war Justin Thannhausers Cousin, und seine Galerie war 1919 in Luzern in der Haldenstrasse 11 als Thannhauser-Filiale eröffnet worden. Mit dieser Filiale machte sich Rosengart dann von 1928 an selbständig; die gemeinsame Teilhaberschaft von ihm und Thannhauser endete jedoch erst mit Thannhausers Emigration nach Paris im Jahr 1937.

          Mit den Durchschlägen informierten sich die Geschäftspartner gegenseitig: über Kundenbesuche und Kundeninteressen und über schriftliche oder telefonische Angebote an und von Kunden; mit Angabe des Besuchsdatums oder des Austauschs, mit Namen der angebotenen Künstler, deren Werken und jeweils dafür genannten Preisen (die variieren konnten) - ohne die Tausender-Nullen. Auch zusätzliche Informationen wurden festgehalten, über den Charakter des Besuchers, sein Verhalten, seine Vorlieben, seine Bonität, seine Begleitung, seinen Bekanntenkreis (und dessen Eigenheiten): Sie lassen erkennen, dass heutige Marktanalysen schon frühe, kaum weniger detaillierte Vorbilder hatten. Unter den Kürzeln „Roe.“ für Römer, „J. Th.“ für Justin Thannhauser und „Rgt.“ für Rosengart wurde die Kenntnisnahme paraphiert.

          Fragt noch, „nur Interesses halber“

          Am 28. März 1931 ließ Paul Römer, der Geschäftsführer der Berliner Galerie Thannhauser, über seinen Besucher auf ein Formular das Folgende tippen:

          „Nationalgalerie, Geheimrat Justi, 28.3.1931. Er verlangt jemand zu sprechen. Nach Begrüßung im Oberlichtsaal, wo das Bild Collioure v. Matisse hängt, sagt er: ,Das ist wohl das Bild von Matisse, wovon Sie mit v. d. Heydt gesprochen haben.‘ Nein, die Odaliske im grünen Sessel. Bild ist jetzt aber wieder zurückgeschickt. Er erinnert sich dann an das Bild.

          Er kommt also, nachdem wir das Bild seit Juni für ihn hier haben und ihn damals sofort darauf aufmerksam machten und zu verschiedene Malen die Aufforderung, es sich anzusehen, wiederholten, heute, 2 Tage nachdem wir das Bild zurückgeschickt haben!!

          Sie könnten jetzt sowieso nichts erwerben, da keine Mittel verfügbar, freilich möchten sie einmal einen schönen und bedeutenden Matisse haben. Ob wir etwas in der Sache noch tun sollen, wenn demnächst jemand von uns nach Paris kommt und Mme. Duthuit besucht? Hätte jetzt wohl keinen Zweck, da sie jetzt doch einen Ankauf nicht durchführen könnten. Sein ganzes Gerede wirkt ziemlich verlegen und ungeschickt, er redet immer nur so drum herum. Sagt noch: Matisse hat dem Luxemburg 1 Bild um den Preis von 1 Fs. ,verkauft‘. Aber jetzt bei der gegenwärtigen politischen Situation . . . Fragt noch - ,nur Interesses halber, wir brauchen ja keinen‘ nach Van Gogh, Waldinneres, Publ. Preis etwas über 100 - für ein Museum wesentlich günstiger.“

          Ludwig Justi war ein ebenso wichtiger wie schwieriger Kunde. Als Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, in der er 1919 mit der „Neuen Abteilung“ die weltweit erste, öffentliche Sammlung damals zeitgenössischer Avantgarde gegründet hatte, war er einer der noch wenigen Mitstreiter im Staatsdienst für die Anerkennung und Durchsetzung neuer Kunstprogramme. Deshalb bot ihm auch Thannhauser Werke nicht zum „Publikumspreis“, sondern, wie auf dem Formular vermerkt, „wesentlich günstiger“ mit erheblichem Museumsrabatt an. Für Avantgardegaleristen wie ihn waren Museumsleute wie Justi noch viel wichtiger als für die Händler etablierter Alter Kunst.

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