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Auktionsrekorde in New York : Bis zum nächsten Mal

Christie’s bricht alle Rekorde: Die Abendveranstaltung für Nachkriegs- und Gegenwartskunst in New York hat Auktionsgeschichte geschrieben. Inzwischen bleibt die Verwunderung über die Wahnsinnssummen fast aus.

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          Sollte noch etwas zu überbieten gewesen sein, dann ist es jetzt geschehen: Mit der Abendveranstaltung für Nachkriegs- und Gegenwartskunst in New York hat Christie’s das „höchste Gesamtergebnis der Auktionsgeschichte“ erzielt, so die Jubelmeldung - jedenfalls ist es die umsatzstärkste Versteigerung seit Aufzeichnung in den Annalen des Auktionsmarkts. Tatsächlich sind 495 Millionen Dollar eine ganze Menge Geld - für siebzig Lose mit zeitgenössischer Kunst, bei nur vier Rückgängen und angesichts einer Gesamtschätzung von 288,9 bis 401,4 Millionen Dollar. Damit liegt der Umsatz des französischen Hauses um gut zweihundert Millionen Dollar höher als die amerikanische Konkurrenz Sotheby’s, die mit dem Bruttoresultat von 293,6 Millionen Dollar für 64 Lose, bei elf Rückgängen, dagegen etwas blass aussieht; bei Sotheby’s hatte die Gesamttaxe zwischen 284 und 383 Millionen Dollar gelegen.

          Am besten schreibt man überhaupt nur noch die zweistelligen Millionensummen hintereinander weg - hier bloß für die sechs höchstbezahlten Lose der drei Abendveranstaltungen bei Christie’s, Sotheby’s und Phillips: 52 Millionen, 50 Millionen, 43,5 Millionen, 39 Millionen, 34 Millionen, 33 Millionen. Oder so: Pollock - Lichtenstein - Basquiat - Newman - Warhol - Richter. Da kommt so schnell kein Name dazwischen, und dass Rothko gerade Pause hat, ist eher ein Zufall. Vor genau einem Jahr hatte sein „Orange, Red, Yellow“ von 1961 bei Christie’s mit dem Zuschlag von 77,5 Millionen Dollar alle Ketten gesprengt.

          Ein Rekord folgt dem nächsten

          Die teuersten drei Werke gehen auf das Konto von Christie’s und markieren sämtlich zugleich Versteigerungsweltrekorde für ihre Künstler, die eben ohnehin längst zu den gewinnträchtigsten am Markt der Kunst seit 1945 zählen: Ganz vorn liegt Jackson Pollock mit „Number 19, 1948“, für 52 Millionen Dollar; inklusive Aufgeld spendierte der Käufer dieses eleganten All-over also 58,36 Millionen Dollar, bei einer Taxe von 25 bis 35 Millionen. Damit ist übrigens die Marke von 20,5 Millionen Dollar für Pollocks „Number 24, 1951“ von vor einem Jahr deutlich abgehängt.

          Es folgt Roy Lichtensteins dekorative „Woman with Flowered Hat“ von 1963, also aus seiner besten, frühen Zeit, mit punktgenau fünfzig Millionen Dollar (30 Millionen auf Anfrage), die im Saal dem Vernehmen nach vom Londoner Juwelier und Sammler Lawrence Graff geboten wurden. Auch hier für Freunde von (nicht immer ganz stimmigen) Vergleichen: Vor genau einem Jahr schaffte Lichtensteins niedliches Comic-„Sleeping Girl“ bei Sotheby’s mit vierzig Millionen Dollar den bis vergangene Woche geltenden Künstlerrekord; die Schätzung lag damals bei dreißig bis vierzig Millionen. Danach kommt das Gemälde „Dustheads“ des 1988 gestorbenen, unaufhaltsam die Charts stürmenden Jean-Michel Basquiat mit 43,5 Millionen Dollar (25/35 Millionen). Insgesamt wurden, bei 94 Prozent abgesetzter Lose, am Mittwochabend sechzehn neue Auktionsrekorde etabliert (was freilich zum Beispiel auch heißen kann, für ein bestimmtes Medium).

          Scheitern unmöglich

          Bei Sotheby’s setzte sich Barnett Newmans „Onement VI“ an die Spitze mit 39 Millionen Dollar (30/40 Millionen), abgesichert allerdings durch ein irrevocable bid, also praktisch vor-verkauft im Falle eines Scheiterns. Auch der letzte Newman-Rekord hatte genau ein Jahr Bestand; damals kostete „Onement V“ zwanzig Millionen Dollar (10/15 Millionen): Offenbar muss man einfach ein Jahr warten, bis ein Rekord eingestellt wird. Bei Gerhard Richter war es aber nur ein gutes halbes: Sein „Domplatz, Mailand“-Großformat schaffte 33 Millionen Dollar (30/40 Millionen) und schlug gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Weil die anderen Zeitgenossen alle schon gestorben sind, ist Richter damit der höchstbezahlte lebende Künstler unserer Zeit, der zudem jetzt seinen eigenen Rekord vom Oktober 2012 für das abstrakte Bild „809-4“, das mit der Provenienz des Rockmusikers Eric Clapton kam und neunzehn Millionen Pfund erreichte, übertrumpft hat.

          34 Millionen sind eine Enttäuschung

          Nur eine müde Million mehr als Richters „Mailand“-Gemälde schaffte das zuvor überhaupt am höchsten bewertete Los beim viel kleineren, inzwischen ganz russischen Haus Phillips: Warhols „Four Marilyns“ aus dem kanonischen Jahr 1962 waren auf 35 bis 45 Millionen Dollar angesetzt; 34 Millionen sind da eine echte Enttäuschung. Irgendwie ist eben alles relativ - und irgendwie ist nun ein Punkt erreicht, eine Art rasender Stillstand, an dem jede Verwunderung über diese Wahnsinnssummen nahezu ausbleibt. Auch von der weiland viel gehätschelten „Blase“ (viel lustiger klingt bubble) redet keiner ihrer einstigen Verfechter mehr. Wenn schon Metapher, dann muss es vielleicht eines nicht sehr fernen Tags die vom schwarzen Loch sein - für eine Menge Geld, das da hineingefallen ist. Aber anders wäre es wohl auch weg gewesen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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