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Auktionen : Liebermann: Die Sammlung Hans-Georg Karg

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Nun kann man sie besichtigen, die große Max-Liebermann-Sammlung, die der 2003 verstorbene Hans-Georg Karg in drei Jahrzehnten zusammentrug. In weinrot ausgeschlagenen Räumen des Münchner Auktionshauses Hampel präsentieren sich in musealer Fülle 31 Ölgemälde, vier Pastelle, fünfzehn Zeichnungen und ein Skizzenbuch sowie drei Dutzend Graphiken und zahlreiche Briefe. Lange wußten nicht viele von diesem an Umfang wohl einmaligen Privatschatz im Landhaus am Chiemsee.

          Schon vor der Versteigerung aber entstand einiger Wirbel. Zum einen weil Kargs Vater, Georg Karg, nach Vertreibung der jüdischen Eigentümer als Geschäftsführer der Warenhauskette Hermann Tietz eingesetzt, diese später äußerst günstig erwerben konnte. Vor allem aber wegen des Verdachts, daß bei so vielen Werken des jüdischen Künstlers, den in Deutschland oft der Moderne besonders aufgeschlossene jüdische Sammler kauften, Restitutionsansprüche zu erwarten seien.

          Entwarnung für die Windböe im gewaschenen Leinen

          Nachdem solche in der jüngeren Vergangenheit stets ausblieben, wenn die Bilder, oft mehrmals, über große Auktionshäuser und bekannte Kunsthandlungen den Besitzer wechselten, hat nun das von Hampel um Prüfung gebetene Art Loss Register (ALR) in drei Fällen noch keine endgültige Klärung erreicht: Für die „Holländische Dorfstraße - Zandvoort“ (Taxe 48 000 Euro), 1988 über die Villa Grisebach von Karg erworben, nennt das Werkverzeichnis mit Margarethe Mauthner dieselbe ehemalige Eigentümerin, deren Erben jüngst Anspruch auf ein Van-Gogh-Gemälde im Besitz Liz Taylors stellten, der allerdings richterlich abgewiesen wurde. Entwarnung gab das ALR für das kurzfristig verdächtige „Wäschetrocknen - Bleiche“, eine herrliche Windböe im gewaschenen Leinen (225 000).

          Statt dessen geriet ein „Gemüsekarren“ von 1906 (85 000) mit Tilla-Durieux-Provenienz ins Visier. Das „Wirtshaus in Overveen“ schließlich, mit 650 000 Euro höchsttaxiertes Los, war Teil der erst neuerdings ins Bewußtsein rückenden Sammlung von Martin und Florence Flersheim, von der es bislang hieß, sie sei bei der Flucht mitgenommen worden. Nicht zu verwechseln ist sie mit der zwangsversteigerten Kollektion der in Bergen-Belsen ermordeten Verwandten Ernst und Gertrud Flersheim. Karg kaufte das Bild 1992 bei Nusser in München.

          Der realistische Liebermann

          Der Blick auf die übrige Offerte zeigt, daß Karg vor allem die frühen Bilder, den Realisten Liebermann, schätzte. „Bauernhof in Barbizon“, Studie eines Hofplatzes mit Gänsen und Pfützen, 1874 im französischen Künstlerdorf gemalt, knüpft den Bund zu den Vorbildern (95 000). Üppig schwelgt die Sammlung in Liebermanns Affinität zu Hollands Realisten und dort geschauten Motiven vom einfachen Leben der Bauern und Fischer. Kleine souveräne Ölskizzen führen durch matschige Dorfstraßen, in stille Winkel hinter krummen Katen, wo Frauen wie jene tiefgebückt wirtschaften, die der Künstler „Meinem l. Freunde Joh. Sperl“ widmete (98 000). Im Innern der Häuschen entdeckt der Maler Kleinkinder, deren Häubchen im Dämmer weiß leuchten, und bei „Stiller Arbeit“ strickende Mädchen (180 000).

          Die Fleißigen handarbeiten auch beim Viehhüten; Liebermann malt sie oft: monumental das Pastell einer im Sonnenschein auf saftiger Wiese bei den Kühen spinnenden Maid (350 000). Oder das einer strickenden Schafhirtin, das mit 290 000 Euro genauso hoch taxiert ist wie die große, dynamische Ölstudie eines Jungen, der zwei widerspenstige Ziegen an der Leine hat. Die manchmal verwunderliche Schätzpreispolitik - kapitale Sprünge zwischen Vergleichbarem läßt sie zu wie überraschendes Gleichauf trotz Qualitätsgefälle - basiert auf den von Mark in Euro umgewandelten Preisen, die Karg einst zahlte.

          Impressionistisches Exempel und Korrespondenzen

          Als sich Liebermanns Palette unter Eindruck des bewunderten Manet auflichtet, der „Impressionist“ ans Werk geht, beginnen Motivserien, die Karg eher exemplarisch in seine Sammlung aufnimmt. Statt badender Knaben oder Strandpromeneuren kauft er ein Stück graue See, Schauplatz einer Studie zu den berühmten „Muschelfischern“ (90 000). Auch des Künstlers Garten in Wannsee tritt nur in einem „Blick auf die Blumenterrasse“ von 1926 in Erscheinung (180 000). Das Interesse an der Person des einzig verehrten Malers brachte den Sammler auf dessen Korrespondenzen, auch auf Selbstbildnisse: Der Berliner Grandseigneur mit Palette 1915 (95 000), mit Brille und Skizzenbuch gezeichnet (7000); die Preise für Zeichnungen klettern von 1800 bis 28 000 Euro. Internationales Interesse kennzeichnet die Vorbesichtigung: Der Ring ist frei.

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