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Aus dem ZADIK : Alles falsch, oder was?

Auch kleine Werke wollen sorgfältig geprüft sein. Am besten ist die Expertise aus erster Hand, am liebsten vom Künstler selbst. Hier einige Beispiele aus dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels, wie das aussehen kann.

          Das Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels in Köln (Zadik) ist ein schier unerschöpfliches Reservoir für die Akteure in diesem einigermaßen unergründlichen Markt und entsprechend für die Kanäle und Wege von Kunstwerken aller Couleur. Dass das Zadik also neben Geschichten und Trouvaillen, die wir auf den Kunstmarktseiten seit einigen Jahren immer wieder vorstellen, auch feine Beispiele für Fälschungen bereithält, kann nicht verwundern. Sein Direktor Günter Herzog hat uns ein paar dieser Fälle gezeigt. Ihr spezieller Charme liegt in der sehr direkten Art der Entlarvung - und in einem Fall auch dem Bekenntnis zur Echtheit nach 66 Jahren.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wieder einmal spielt Picasso dabei eine wichtige Rolle. Von ihm stammt der berühmte Satz: „Les bons artistes copient, les grands artistes volent.“ Die Übersetzung „Schlechte Künstler kopieren, gute Künstler stehlen“ ist nicht korrekt, um nicht zu sagen - eine Fälschung. Und auf die Banalität des dreisten Fälschers - derzeit in Reinform verkörpert von Wolfgang Beltracchi - lässt sich Picasso gar nicht erst ein; er bleibt bei den Künstlern, gleich den guten oder eben großartigen. Was er unter Stehlen im besten Sinn verstanden haben mag, beweisen aktuell seine „Femmes d’Algers“ in der Version „O“ von 1955: Das Motiv hat er sich bei Eugène Delacroix geholt und die Farben dafür bei Henri Matisse. Das Ergebnis dieses „Diebstahls“ wurde, wie bekannt, im Mai in New York für 160 Millionen Dollar versteigert, damit das teuerste Gemälde in einer Auktion jemals.

          Beginnen wir mit der Zeichnung von Mutter, Kind und Vater (Abbildung über dem Artikel). Auf den ersten Blick mag sie nach Picassos Hand aussehen. Doch da gab es den wachsamen Kennerblick seiner Händler, die dem Anschein nicht trauten. Die Fotografie des Blatts stammt aus dem im Zadik verwahrten Archiv der Galerie von Justin Thannhauser (1892 bis 1976). Auf ihrer Rückseite hat Daniel-Henry Kahnweiler, der andere große Picasso-Händler, das Blatt als unzweifelhaft falsch ausgewiesen: „Die umseitige Zeichnung ist eine Fälschung [doppelt unterstrichen!!!] und kein Werk von Picasso.“ Auch Picasso selbst bestätigt das. Und um diese Doppel-Expertise zu untermauern, hat dann Thannhauser die Zeichnung auf dem Foto durchgestrichen, unten rechts handschriftlich auf der Rückseite „FAKE!“ vermerkt - und selbst das Foto noch demonstrativ geknickt.

          Auch die Vorlage für die plumpe Nachahmung kennt das Zadik: Es ist Picassos Zeichnung „Famille“ von 1923, die Justin Thannhauser dann 1973, fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung, dem Kunstmuseum Bern geschenkt hat. Sein Verhältnis zu Picasso war sehr eng. Schon 1912, da war Thannhauser zwanzig Jahre alt, hatte er sein erstes Werk von ihm gekauft, als er die bis dahin weltweit größte Picasso-Retrospektive vorbereitete; sie fand 1913, in Zusammenarbeit mit Kahnweiler, in München statt. In dem kleinen Katalog, zu dem Justin Thannhauser das Vorwort schrieb, waren 114 von 1901 bis 1912 entstandene Werke verzeichnet, darunter 76 Ölgemälde.

          Solche Belegstücke sind echte Glücksfälle in den verschlungenen Pfaden des Kunsthandels. Keineswegs von ungefähr ist auf dem Markt inzwischen die eindeutige lückenlose Herkunft eines Werks von unschlagbarer Bedeutung - viel wichtiger als nachgelieferte Zuschreibungen von Experten oder Nachkommen eines Künstlers. Dafür steht wiederum Picassos hübsches Ölgemälde „Germaine“, das ebenfalls im ThannhauserArchiv des Zadik dokumentiert ist. Offenbar wollte Justin Thannhauser es bei „Germaine“ ganz genau wissen, obwohl er das Bild bereits am 17. November 1947 verkauft hatte.

          Also hat Picasso selbst für die Echtheitsbestätigung zum Stift gegriffen; auf der Rückseite des „Germaine“-Fotos hat er hingeschnörkelt: „Ce tableau est bien de moi. Picasso. Le 9.9.66“. So konnte das kleine Porträt des Pariser Modells Germaine Pichot, mit der Picasso eine Affäre verband und die er 1900 malte, seinen Zug durch die Auktionen antreten.

          Im November 2001 kam sie bei Christie’s New York zum Aufruf, als an earlier and very sweet, small Picasso oil on canvas. „Germaine“ war taxiert auf 400.000 bis 600.000 Dollar; ihr Käufer hat dann 831.000 Dollar (inklusive Aufgeld) für sie bezahlt. Acht Jahre später war „Germaine“ wieder unterwegs, wieder in New York. Jetzt trug sie eine Schätzung von einer bis 1,5 Millionen Dollar, und ihr Preis kletterte auf knapp 1,6 Millionen. Zuletzt sah man sie im Juni 2014 in London unter dem Hammer. Die Erwartung lag nun bei umgerechnet 1,66 bis 2,49 Millionen Dollar, das Ergebnis lautete 1,84 Millionen. So langsam arbeitet „Germaine“ sich hoch.

          Dann haben wir aus den Tiefen des Archivs noch eine Falsifizierung von anderer Künstlerhand, nämlich von Picassos Zeitgenossen Max Ernst. Auch der sorgte sich um Genauigkeit in kleinen Dingen. Seine Kölner Galerie „Der Spiegel“ erbat 1972 - „EILT!“ - Auskunft über eine Bronze, die ihr wohl suspekt erschien. Max Ernst antwortete umgehend und unmissverständlich „Signatur unecht. Bronze-Guß ebenfalls“ - und „bitte einschmelzen lassen“. Dass dem Zadik - leider - kein Foto dieser Fälschung vorliegt, spricht dafür, dass die Galerie genau das getan hat.

          Diese kleinen, auf den ersten Blick fast unscheinbaren Zeugnisse belegen, wie alles entscheidend solche Dokumente und ihre Aufbewahrung sein können. Und sie sind schönste Beweise für die Umsicht der um ihre Künstler besorgten Händler und Galeristen.

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