https://www.faz.net/-gqz-7ri8n
 

Kommentar : Ist der Traum gefährdet?

  • -Aktualisiert am

In Berlin schließen die Galerien. Diesen Eindruck bekam man in den letzten Monaten. Was ist da los im Galerienzentrum von Deutschland?

          2 Min.

          Oliver Koerner von Gustorf startete 2007 seine Berliner Galerie September, und bald sprachen alle von ihr - mutig, ungewöhnlich sei das Programm und auch das Auftreten der Galerie. „Experimentell“ ist in diesem Zusammenhang ein Lieblingswort. Lob von allen Seiten. Jetzt ist die Galerie September geschlossen, und Oliver Koerner von Gustorf sagt, in der Rückschau hätte er einiges anders gemacht: kleiner begonnen, unternehmerischer gearbeitet. 500 000 Euro hat er investiert. Er sei nicht pleite, aber das Risiko wollte er nicht weiter eingehen. Er ist nur einer von vielen, die sich zuletzt entschlossen haben, aufzugeben, zum Beispiel Martin Klosterfelde, der zum Auktionshaus Phillips wechselte. Es gibt viele Gründe: die Digitalisierung, die Globalisierung, die Spekulationswut. Das mag alles sein. Aber in Berlin ist unabhängig davon etwas in Bewegung - geht eine gute Zeit zu Ende? Spricht man mit Koerner von Gustorf, fallen Begriffe wie: Lagermillionär (Galerist, der auf seinen Werken sitzenbleibt) und Bespaßung von Millionären (mit Feuerwehrschläuchen von Klara Lidén als Aktienkunst). Womit kann Berlin in Zukunft locken, wenn die Lust an der zeitgenössischen Kunst leidet?

          Das Mittelfeld bricht weg

          Offen wird darüber nicht gesprochen. Es wird im Stillen ums Überleben gekämpft, hinter Fassaden, denen man es niemals ansehen würde. Der Mittelbau wackle, sagt Koerner von Gustorf, Diskurse würden nur noch wie Parfüm getragen, alle gratulierten einem zur guten Arbeit, aber Unterstützer, Mäzene, Käufer, die nicht mit Kunst spekulierten, gebe es so gut wie nicht mehr. Auch das Ende der Galerie von Joanna Kamm (F.A.Z. vom 5. Juli) zeige, dass selbst Mittelfeldgalerien, die das Spiel mitmachen und Teil des Netzwerks sind, vom eigenen System nicht mehr getragen würden. Doch was war und ist überhaupt das System in Berlin? Als Berlin seine Kunstmesse Artforum abschaffte (berechtigterweise), deutete sich schon an, wie wenig Halt dieser Kunstmarkt der Mehrheit der Galerien bietet. Halt gaben niedrige Mieten und viel Platz. Das Geld aber liegt immer noch in anderen Regionen Deutschlands auf der Straße. Was also wird Berlin bleiben? Was kann im Sinne der einst abgewrackten und dann erstarkten Art Cologne, die Zukunft der Gegenwartskunst weisen? Der langsame Generationswechsel von Gallery-Weekend-Gründern wie Giti Nourbakhsch (geschlossen), Martin Klosterfelde (geschlossen), Neugerriemschneider und Neu zu jüngeren Aushängeschildern, zum Beispiel Sommer & Kohl (Patricia Kohl und Salome Sommer als ehemalige Mitarbeiterinnen von Neugerriemschneider) vollzieht sich - doch werden sie die internationalen Sammler anlocken? Hoffentlich bleibt am Ende dieser großen Zeit nicht eins in Erinnerung: enttäuschte Hoffnungen.

          Weitere Themen

          Im kollektiven Rausch

          Mozartfest Würzburg : Im kollektiven Rausch

          Das Würzburger Mozartfest bietet einen furiosen „Idomeneo“ mit Christophe Rousset, einen scharfkantigen Bruckner und eine fragile Uraufführung mit Andris Nelsons.

          Topmeldungen

          Wahlkampf mit Euro und EU : Marine Le Pen auf dem Vormarsch

          Forderungen nach einem Austritt aus dem Euro und der EU gehören nicht mehr zum Programm der polarisierenden Französin. Warum Le Pen vor den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr wieder Hochkonjunktur hat.
          Joe Bidens Ankunft beim NATO-Gipfel in Brüssel am Montag

          Beistand für NATO-Partner : Joe Bidens „heilige Verpflichtung“

          Drei Jahre nach Donald Trumps Wutausbruch hat sein Nachfolger in Brüssel alle Zweifel ausgeräumt: Amerika steht zu seinen NATO-Partnern. Die schließen die Reihen – gegen Russland, aber auch im Angesicht von China.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.