https://www.faz.net/-gqz-9o8iz

Koller : Ganz oben die Schweizer Berge

  • -Aktualisiert am

Angeführt von Giovanni Giacomettis großartigem Panorama: Koller in Zürich versteigert an zwei Tagen Schweizer Kunst und moderne Kunst, Impressionisten und Zeitgenossen.

          3 Min.

          Am 28. und 29. Juni finden in Zürich bei Koller die Sommerauktionen mit Schweizer Kunst, Moderne, Impressionismus und zeitgenössischer Kunst statt. Auf mehr als fünf Meter Breite und gerade einmal 67 Zentimeter Höhe erstreckt sich die atemberaubende Bergkulisse: Im Vordergrund hüten zwei Schäfer auf einer Hochalpe ihre Herden, dahinter öffnet sich die Weite des Engadiner Tals mit seinen kleinen Dörfern um die Seenplatte, und am Horizont breitet sich die massive Schweizer Gebirgskette aus. Giovanni Giacometti malte 1898 das aus vier Leinwänden bestehende „Panorama von Muottas Muragl“ als Herzstück der dekorativen Innengestaltung eines Chalets in St.Moritz im Auftrag von Anna von Planta. Die dort angewandte divisionistische Stricheltechnik hatte der Maler von seinem Vorbild und Mentor Giovanni Segantini gelernt. Ursprünglich waren die Skizzen, die Giacometti im Oktober 1987 auf dem Bergrücken des Muottas Muragl machte, für ein gigantisches Rundgemälde in Zusammenarbeit mit Segantini, Ferdinand Hodler und Cuno Amiet gedacht, das auf der Weltausstellung in Paris 1900 präsentiert werden sollte – doch das Projekt musste aus finanziellen Gründen aufgegeben werden. Das riesige Bergpanorama hing als Leihgabe im Bündner Kunstmuseum in Chur und ist mit einer Erwartung von 2,8 bis vier Millionen Schweizer Franken nun das Spitzenlos in Kollers Auktion mit Schweizer Kunst am 28. Juni. Das Haus hatte bereits 2016 die dreiteilige Komposition mit Giacomettis wenige Jahre später entstandenem „Panorama von Flims“ für 3,5 Millionen Franken an einen Schweizer Sammler versteigert; es kann heute in der Fondation Saner in Studen bewundert werden.

          Raritäten unter dem Hammer

          Neben dem großformatigen Werk kommen von Giovanni Giacometti noch zahlreiche weitere Gemälde unter den Hammer, darunter der „Skiläufer“ von 1899, taxiert auf 250.000 bis 350.000 Franken, und ein um 1921 entstandener, marktfrischer Akt „In riva al lago“ (Taxe 60.000/90.000 Franken), der deutlich stärker abstrahiert wirkt. Von Giacomettis langjährigem Freund und Weggefährten Cuno Amiet stammt die 103 mal 115 Zentimeter große „Obsternte“ von 1912, die in Vorbereitung zur sogenannten Wassmer-Fassung der „ObsternteII“ entstand, die 1931 im Münchner Glaspalast verbrannte: Das auf Blau und Rot reduzierte, monochrome Kolorit und die abstrakt einfache Formensprache beherrschen das auf 600.000 bis 800.000 Franken geschätzte Bild, das mit mehr als fünfzehn weiteren angebotenen Ölgemälden, Aquarellen und Zeichnungen aus der Sammlung Loeb kommt und einst direkt beim Künstler erworben wurde. Auf dem Pastell „Die letzte Mühe des Tages“ (250.000/350.000) von 1884 hält Giovanni Segantini eindrucksvoll die Arbeit eines Feldarbeiters fest, die thematische wie stilistische Nähe des Blatts zum Werk von François Millet ist deutlich erkennbar. Und vom Autodidakten Adolf Dietrichs kommen zwei Raritäten unter den Hammer: sein erstes Sonnenuntergangsbild aus dem Jahr 1915 (150.000/250.000) und seine erste Mondschein-Landschaft von 1919 (120.000/180.000). Insgesamt sollen die 150 Lose sieben Millionen Franken umsetzen.

          Am selben Tag auktioniert Koller auch seine Offerte mit Impressionismus und Moderne; es gehen achtzig Lose mit einer Gesamterwartung von 2,7 Millionen Franken an den Start. Spitzenlos ist Alfred Sisleys sommerliches Ölgemälde „Autour de la forêt – juin“ von 1885, taxiert auf 700.000 bis eine Million Franken. Verträumt schaut die junge Frau auf dem Eselrücken in Kees van Dongens „L’Ânier (L’Ânier de Scheveningen)“ von 1912 (300.000/500.000) zum Betrachter: Vermutlich handelt es sich dabei um Van Dongens siebenjährige Tochter Dolly, die gern Hüte und Kleidung ihrer Mutter trug und dadurch oft älter wirkte. Von René Magritte kommt die farbenfrohe Gouache mit Gold „Les voies et moyens“ von 1948 für 250.000 bis 400.000 Franken zum Aufruf; die Arbeit befindet sich seit 1975 in Schweizer Privatbesitz. Oskar Kokoschkas spätes Porträt von „Ann Windfohr“, der Gründerin des Georgia O’Keffee-Museums in Santa Fe, wird für 60.000 bis 80.000 Franken angeboten.

          Einen Tag später, am 29.Juni, offeriert Koller 139 Lose mit Zeitgenossen und Nachkriegskunst, die zusammen 1,6 Millionen Franken umsetzen sollen. Robert Mangolds Acryl-Diptychon „Red with Green Ellipse/Black Frame“ von 1988/89 (180.000/240.000) zeigt in minimalistischer Manier das Wechselspiel von Kontrasten, während Sigmar Polkes unbetitelte Arbeit auf Vélin von 1999 (80.000/140.000) sein Spätwerk repräsentiert: Auf einem farbintensiven abstrakten Hintergrund gruppieren sich ein liegender weiblicher Akt, einige angedeutete Figuren und ein reduziertes Selbstporträt des Künstlers.

          Weitere Themen

          Inkognito in aller Munde

          Banksy und der Kunstmarkt : Inkognito in aller Munde

          Anfang Oktober wurde ein Gemälde Banksys für eine Rekordsumme versteigert. Doch wie verdient der anonyme Streetart-Künstler sein Geld? Und wie kommt seine Kunst auf den Markt?

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.