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An Botticellis „Primavera“ : Klimaaktivisten kleben sich in den Uffizien fest

Griff nach Botticelli: Klimaaktivisten bei ihrer Klebe-Attacke auf das berühmte Renaissance-Gemälde „Primavera“ Bild: Getty

Die nächsten Klimaaktivisten kleben sich an einem Meisterwerk der Kunst fest: Dieses Mal langten sie in den Florentiner Uffizien zu. Was folgt aus der Handgreiflichkeit gegen Sandro Botticellis „Primavera“?

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          Es ist ein bisschen wie mit den Liebesschlössern, die Paare erst in Italien, dann überall auf der Welt an Brückengeländer fixierten als sichtbare Zeichen ihrer unauflöslichen Verbundenheit. Britische Klimaaktivisten folgen einer ähnlichen Logik der Fixierung, wenn sie sich leibhaftig etwa auf Straßen festkleben, nicht nur als lebendige Blockade, sondern zivil ungehorsam bis aggressiv dem Schutz des von der Klimakrise bedrohten Planeten verbunden. Was die Aktivistengruppen „Insulate Britain“ und „Extinction Rebellion“ zuerst kultivierten, hat im Vereinigten Königreich in diesem Sommer die Gruppe „Just Stop Oil“ auf Handgreiflichkeiten in Museen ausgeweitet: Sie klebten sich an die Rahmen berühmter Kunstwerke, die Landschaften des neunzehnten Jahrhunderts zeigen – darunter eines von Vincent van Gogh.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Nun ist die Mode nach Italien übergeschwappt. In den Florentiner Uffizien haben sich Umweltschutzaktivisten der Gruppe „Ultima Generazione“ (Letzte Generation) an die Panzerglasscheibe geklebt, hinter der Sandro Botticellis Meisterwerk „Primavera“ (Frühling) ausgestellt ist. Zwei Mitglieder der Gruppe, ein junger Mann und eine junge Frau, fixierten jeweils eine Handfläche an der Scheibe, während sie mit Hilfe eines Dritten ein Transparent entrollten. Darauf zu lesen stand: „Ultima Generazione No Gas No Carbone“ (Letzte Generation, kein Gas, keine Kohle).

          Abgeführt von Carabinieri

          Ins Museum gekommen sind die von Sicherheitskräften Überwältigten und nach Widerstand von der Polizei Abgeführten auf ganz legalem Wege: Sie hatten ordnungsgemäß Eintrittskarten gelöst. Alle drei Aktivisten stammen aus Norditalien. Das Gemälde wurde nicht beschädigt, was Kritiker an den vor einiger Zeit installierten klimatisierten „Glassarkophagen“, in die der deutsche Museumsdirektor Eike Schmidt wertvollste Stücke der Sammlung in der Ausstellung bergen ließ, verstummen lassen dürfte.

          Die Aktivisten müssen sich nun wegen der Störung des öffentlichen Friedens, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, unerlaubter Demonstration und Verunstaltung oder Beschädigung von Eigentum verantworten. Den Behörden waren sie bereits wegen früherer Akte des zivilen Ungehorsams in Rom und am Puccini-Theater in Torre del Lago bekannt, wo sie in der Pause einer Aufführung von „Madame Butterfly“ protestierten.

          Warum „Ultima Generazione“ nun ausgerechnet dieses Renaissance-Gemälde Botticellis als Zielobjekt auswählte, verrät eine Stellungnahme der Gruppe, die die frage aufwirft: „Ist es möglich, heute einen so schönen Frühling zu sehen?“ Brände, Lebensmittelkrisen und Dürre ließen das immer unwahrscheinlicher werden. Man wolle ein „Alarmsignal“ angesichts des drohenden sozialen und ökologischen Klimakollapses setzen. Die Gruppe erklärte auch, sie habe sich vorab mit Restauratoren beraten, um sicherzustellen, dass das Werk durch ihre Aktion nicht beschädigt werde. „So wie wir unser künstlerisches Erbe verteidigen, sollten wir uns auch für die Pflege und den Schutz des Planeten einsetzen, den wir mit dem Rest der Welt teilen", teilt sie auf ihrer Website mit.

          Für Museen weltweit bedeutet das aber zunächst nur, dass Sie besonderes Augenmerk auf den Schutz bekannter, Instagram-tauglicher Gemälde legen müssen, deren Bildsujet zum Kontext des Klimaschutzes passen könnte. „Primavera“ wird nicht das letzte Kunstwerk gewesen sein, das Klimaaktivisten mit Klebstoff an den Händen ins Visier nehmen. Und wer nun länger vor einem bekannten Gemälde mit Naturmotiven in einem Ausstellungssaal verweilt, sollte damit rechnen, vom Sicherheitspersonal besonders argwöhnisch beäugt zu werden.

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