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Kulturgutschutzgesetz : Dieser Entwurf leistet nichts Sinnvolles

Das F.A.Z.- Interview von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Kulturgutschutz zeigt Wirkung: Künstler und Kunsthandel fürchten das neue Gesetz. Ein Gespräch mit dem Kunstgaleristen Klaus Gerrit Friese.

          3 Min.

          Herr Friese, Sie sind Galerist und Kunsthändler, und Sie waren sechs Jahre lang bis 2013 Vorsitzender des Bundesverbands der Deutschen Galerien und Kunsthändler. Halten Sie den Schutz „nationalen“ Kulturguts samt einem entsprechenden Ausfuhrverbot aus Deutschland, wie es Staatsministerin Monika Grütters in dieser Zeitung erläuterte, für ein völlig unsinniges Unterfangen?

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Im Gegenteil, das ist ganz wichtig. Es wird immer Kunstwerke geben, in denen sich Bedeutungen eines Landes kondensieren; sie sind Bedeutungsträger. Und natürlich ist der Kunsthandel, der ja in vielfältiger Weise mitbeteiligt ist an der Generierung nationalen Kulturgutes und darauf auch stolz ist, an einer guten Regelung interessiert.

          Ist es dann nicht unbedingt erforderlich, zumindest Leitlinien für die Einschätzung „national wertvolles Kulturgut“ zu definieren?

          Natürlich. Wenn aus dem Haus von Monika Grütters ein guter Referentenentwurf gekommen wäre, müsste er genau damit anfangen und nicht mehrere beliebig wirkende Sätze an den Anfang stellen. Selbst wenn das „besonders bedeutsame Werk einer Künstlerin oder eines Künstlers von internationalem Rang“ als Definition in der entsprechenden EU-Regelung auftaucht: Das ist ebenso schwammig wie untauglich, hilft nicht weiter, aber schadet. Eine von Kunsthistorikern erarbeitete Definition müsste für alle Bundesländer verbindlich sein, wobei in vielen Fällen die Definition regional wahrscheinlich weniger an die einzelnen Bundesländer als an die innerdeutschen Kulturlandschaften anzupassen wäre. Ein zu vages Gesetz und eine Selektion nach Alter und Marktwert würden darüber hinaus den ja durchaus auch nobilitierenden Begriff des „national wertvollen Kulturguts“ entwerten.

          Bliebe nicht sonst die Entscheidung darüber ausschließlich im Ermessen der Gremien in den einzelnen Bundesländern? Was durchaus problematisch werden könnte . . .

          Wie gesagt: Wir brauchen eine zentrale Regelung, die Verbindlichkeiten für die Einordnung schafft und nicht das tut, was im Moment alle fürchten: dass ein Gesetz auf den Weg kommt, das der Willkür Vorschub leistet.

          Ist die - zumindest behauptete - Furcht von Kunstsammlern, durch ein Ausfuhrverbot könnte der Verkaufswert von Werken in ihrem Besitz dramatisch sinken, tatsächlich berechtigt? Oder andersherum: Wie vielen Kunstwerken in Privatbesitz droht denn, Ihrer Einschätzung nach, überhaupt eine Einordnung als „national wertvoll“?

          Das hängt von der Definition ab – und eigentlich kann es gar nicht so viel sein, was auf diese Liste gehört. Die Liste muss extrem exklusiv sein, die Definition muss selektiv sein, dann ist sie praktikabel und hilft.

          Nehmen wir das Gemälde von Mark Rothko, das Frieder Burda im Mai dieses Jahres in New York versteigern ließ (für einen Hammerpreis von 36 Millionen Dollar), um die Stiftung für sein Museum in Baden-Baden zu kapitalisieren. Das ist bestimmt ein interessantes Bild, aber nationales Kulturgut unter Ausfuhrschutz: Ist das nicht höchst unwahrscheinlich?

          Im Moment fällt mir kein Umstand ein, beziehungsweise ich kenne einfach keinen, unter dem ein Rothko als nationales deutsches Kulturgut identifiziert werden könnte.

          Müssen deutsche Sammler aber ernsthaft damit rechnen, dass ihnen der Verkauf ihrer Baselitze, Richters, Polkes oder auch Ueckers durch das zu schaffende Kulturgutschutzgesetz vermasselt wird?

          Das würde im Einzelfall vom Inhalt des jeweiligen Kunstwerkes abhängen. Künstler können nicht pauschal als „national wertvoll“ bewertet werden. Einzelne Werke, die sich mit nationalen Schlüsselthemen beschäftigen oder selbst Gegenstand nationaler Schlüsselereignisse in der Kunstentwicklung und Kunstrezeption waren (insofern beides zu den festgesetzten Kriterien zählt), könnten unter diese Kategorie fallen, wie etwa Sigmar Polkes „Entartete Kunst“. Aber in diesem Fall nur das Unikat, nicht die graphischen Vervielfältigungen. Wie ich überhaupt finde, dass man Graphik insgesamt von dieser Schutzliste nehmen muss. Wichtige graphische Sammlungen gehören hinein, aber doch sicher kein vervielfältigtes Blatt.

          Sie haben den Entwurf für das Gesetz gelesen. Was sind Ihre schärfsten Einwände?

          Ich bin kein Jurist, aber mehrere Dinge scheinen mir außerordentlich bedeutsam. Mit der Meldepflicht für Kunstwerke, die älter als fünfzig Jahre sind und einen höheren Wert als 150.000 Euro haben (selbst wenn diese Eckdaten wie angekündigt noch zeitlich gedehnt und im Wert nach oben verschoben werden sollten), passiert etwas Falsches: Hier wird, ähnlich zur Sammelwut der NSA, vollständig sinnlos Datenmaterial angehäuft, was nicht verwertet werden kann. Mehrere tausend Einzelprüfungen pro Jahr, und zwar zum Behuf der Abklärung, ob all das nationales Kulturgut sei, das kann doch in niemandes Interesse sein. Gebetsmühlenartig wird dem deutschen Kunsthandel gesagt, sobald eine aus unserer Sicht schlechte gesetzliche Regelung droht: Das sei alles von der EU gefordert und deswegen zwingend notwendig. Die deutsche Kulturpolitik hat in den letzten Jahren dem Kunsthandel und damit auch der öffentlichen Sichtbarkeit von Kunst einen schlechten Dienst nach dem anderen erwiesen. Ich verweise nur auf die den Begriff der „Kulturnation“ in Frage stellende Veränderung der Mehrwertsteuerregelung, die die bildende Kunst, die früheste Form der Selbstvergewisserung der Menschheit, wie Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, schreibt, aus dem Kanon der Kultur einfach mal rausschmeißt. Mit dem neuen Referentenentwurf wird nichts Eigenes geleistet, was sinnvoll wäre: Es handelt sich vorgeblich um eine Anpassung an EU-Recht, in Wahrheit aber verweigert der Entwurf das eigene gestaltende Denken, das zwingend notwendig wäre, um der Kulturpolitik Bedeutung zu verleihen.

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