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Klage gegen Calder-Stiftung : Wer hat denn hier die Macht?

Das Mobile „Eight Black Leaves“ von Alexander Calder hat der Kunsthändler Patrick Cramer von seinem Vater geerbt. Die New Yorker Calder Foundation will es als eigenständiges Werk aber nicht anerkennen. Dagegen klagt Cramer nun.

          Der Genfer Kunsthändler Patrick Cramer hat die Calder Foundation, die den Nachlass des 1976 gestorbenen Bildhauers Alexander Calder betreut, vor dem Bundesbezirksgericht in Manhattan verklagt. Die Stiftung, die ein Werkregister Calders führt, weigert sich, einem Mobile, das Cramer von seinem Vater geerbt hat, eine Inventarnummer zuzuweisen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Gérald Cramer stellte das Objekt „Eight Black Leaves“, das er 1948 gekauft hatte, 1950 in seiner Genfer Galerie aus und dokumentierte es in einem Katalog, den er dem Künstler zusandte. Seine Erben wollten das Mobile 2012 bei Christie’s versteigern lassen. Doch die 1987 errichtete gemeinnützige Stiftung, deren Satzungszweck die Katalogisierung aller Werke Calders ist, lehnte die Ausstellung der von Christie’s verlangten Inventarnummer mit der Behauptung ab, bei dem Ensemble der acht schwarzen Blätter handle es sich nicht um ein eigenständiges Werk, sondern um einen Teil eines 1947 in Paris, Bern und Amsterdam ausgestellten Mobiles mit dem Titel „Red Among Black“.

          Dieses Fragment habe Gérald Cramer zudem nicht dem Künstler abgekauft, sondern dessen Pariser Händler Maurice Lefebvre-Foinet.

          Patrick Cramer möchte aus den offenbar gut geführten Akten seines Vaters belegen, dass Calder sehr wohl selbst der Verkäufer gewesen sei; bei Lefebvre-Foinet habe er ein Depot unterhalten. Ein von Cramer in Auftrag gegebenes Gutachten des Genfer Rechtsanwalts Olivier Weber-Caflisch schließt vor dem Hintergrund einer genauen Rekonstruktion des Zeitablaufs zwar nicht aus, dass die acht Blätter aus dem großen Mobile herausgelöst wurden.

          Vorwurf einer willkürlichen Werkliste

          Dagegen spreche aber, dass Calder sich im Dezember 1950, mehrere Monate nach Erhalt des Katalogs mit der Abbildung von „Eight Black Leaves“, bei Lefebvre-Foinet nach dem Verbleib von „Red Among Black“ erkundigt habe. Calder habe jahrzehntelang mit Gérald Cramer korrespondiert, gibt dessen Sohn an, und hätte ein Missverständnis über den Status des 1948 verkauften Objekts ohne weiteres aufklären können.

          Die Klage wirft der Calder-Stiftung vor, die Werkliste willkürlich kurz zu halten, um die Preise zu manipulieren. Zwar ist die Angabe einer auf Gerichtsberichte spezialisierten Nachrichtenagentur ein Irrtum, dass sich im Eigentum der Stiftung 22.000 Werke Alexander Calders befänden: So viele Werke sind in ihren Akten verzeichnet. Aber auch anders beläuft sich der Marktwert der Werke, die tatsächlich Stiftungseigentum sind, ausweislich der Steuererklärung für das Jahr 2011 auf 336 Millionen Dollar. Darüber hinaus sollen die Nachkommen Calders, die die Stiftung lenken, als Privatleute eine beträchtliche Anzahl weiterer Werke besitzen.

          Im Jahr 2007 wurde die Stiftung schon einmal in ähnlicher Sache verklagt. Es ging um ein Bühnenbild, das mit Einwilligung Calders nachgebaut worden war, ohne dass er das Ergebnis förmlich noch als sein Werk auszeichnen konnte. Obwohl die Stiftung siegte, zog sie aus dem Prozess die Konsequenz, ihre Arbeitsweise zu ändern. Sie verfolgt nicht mehr die Absicht, einen Catalogue raisonné herauszugeben, sondern aktualisiert nur noch die Inventarliste.

          Bestimmungsmacht über echt oder unecht

          Cramers Klage möchte auf das Bedenkliche eines Schritts aufmerksam machen, wie ihn auch andere Verwalter von Künstlernachlässen zur Abwehr von Rechtsstreitigkeiten vollzogen haben: Die Stiftung schüttelt die gelehrten Belegpflichten eines publizierten Werkverzeichnisses ab, behält aber ihre Bestimmungsmacht über echt und unecht, da als echt nur verkauft werden kann, was im Inventar steht. Patrick Cramer ist selbst Mitverfasser mehrerer Werkverzeichnisse zu Picasso, Chagall, Miró, Henry Moore und Antonio Saura, sein Gutachter Weber-Caflisch ist der Testamentsvollstrecker Sauras und der Präsident der Saura-Stiftung.

          Irreführend ist die Bemerkung in der Klageschrift, die Klage von 2007 sei aus formalen Gründen abgewiesen worden. Das Berufungsgericht führte aus, dass die Entscheidung von Echtheitsfragen nicht in die Zuständigkeit der Justiz falle: Das Gericht könne die Herausgeber eines autorisierten Werkverzeichnisses ebenso wenig in die Pflicht nehmen wie irgendeinen anderen Kunstexperten, der Ansichten über Zuschreibungen äußere.

          Ende letzten Jahres scheiterten die Calder-Erben spektakulär mit dem Versuch, ihrerseits mit gerichtlicher Hilfe ihre Definitionshoheit in Echtheitsdingen durchzusetzen. Ein Gericht des Bundesstaats New York verwarf die Klage der Nachlassverwaltung gegen die Erben von Klaus Perls, dem Galeristen Calders, ohne in die Erörterung des Vorwurfs einzutreten, Perls habe mindestens 61 gefälschte Werke verkauft. Die Klage habe der Einschüchterung dienen sollen, rügte das Gericht, da die Vorwürfe unbelegt und haltlos seien.

          Im Zuge dieses Verfahrens wurde 2011 ein Vergleich mit einem Angestellten von Perls geschlossen. Die Stiftung sagte zu, echte Calder-Werke im Besitz des früheren Galeriemitarbeiters mit Inventarnummern zu versehen. Zur Erfüllung des Vergleichs mussten die Nachlassverwalter durch Gerichtsbeschluss vom 19. April 2012 verpflichtet werden. Umstritten waren 49 Skizzen, die Calder zwischen 1949 und 1960 für Werbematerialien seiner Galeristen angefertigt hatte. Die Stiftung wollte diese Zeichnungen von Werken wegen ihres Gebrauchscharakters nicht als Werke gelten lassen. Aber nach Auffassung des Gerichts kommt es nur darauf an, ob der heutige Kunstmarkt solche Arbeiten unter der Bedingung ihrer Echtheit als Werke akzeptieren würde.

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