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Klage auf Schadenersatz : Beleidigendes Angebot?

  • -Aktualisiert am

E-Mails bringen die mächtige Gagosian Gallery in Verruf. Hat sich das internationale Unternehmen beim Verkauf eines Werks von Lichtenstein unrechtmäßig bereichert?

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          Die kurze E-Mail, die Deborah McLeod, Direktorin der Filiale der Gagosian Gallery in Beverly Hills, am 15. Juli 2009 an ihren Kunden Thompson Dean schrieb, beginnt mit einem denkbar alltäglichen „Hi Tom Dean“. Aber dann geht es gleich zur Sache: „Verkäufer jetzt in schlimmer Notlage und braucht Bargeld. Sind Sie daran interessiert, ein grausames und beleidigendes Angebot zu machen? Auf geht’s, wollen Sie’s versuchen?“ Das Gemälde, um das es ging, war Roy Lichtensteins „Girl in Mirror“, und es befand sich im Besitz von Jan Cowles, einer bekannten Sammlerin. Aber sie war nicht die Verkäuferin: Charles Cowles, ihr Sohn, der auch im Kunsthandel tätig ist, wollte das Bild bei Gagosian verkaufen - ohne Wissen der Mutter.

          Am Anfang also nahm eine Familiengeschichte ihren traurigen Lauf. Eine reiche alte Dame, heute dreiundneunzig und dement, hat die Kontrolle über ihr Leben und Vermögen verloren und muss sich auf ihre Anwälte verlassen. Der Sohn, offenbar in Geldnot, will jetzt schon haben, was ihm vielleicht einmal als Erbe zufällt. Damit verstößt er gegen das Gesetz. Seit dieser Woche aber beschäftigt sich der New York County Court mit einem anderen Aspekt des Falls: Die Anwälte von Mrs Cowles klagen gegen die Gagosian Gallery, weil sie ihre Treuhänderpflicht verletzt und sich unrechtmäßig bereichert haben soll.

          Eine Begründung für den hohen Gewinn

          Nach Tatsachenversion der Kläger stellte Gagosian für das Bild 2,5 Millionen Dollar in Aussicht, bezahlte dann jedoch nur eine Million. Der Käufer machte ebenfalls ein Schnäppchen, denn die zwei Millionen, die er nach seinem „grausamen und beleidigenden“, aber erfolgreichen Angebot schließlich hinblättern musste, nahmen sich außerordentlich vorteilhaft gegenüber den 4,9 Millionen Dollar aus, die eine andere, durchaus vergleichbare Version des „Girl in Mirror“ bei Sotheby’s vor zwei Jahren einbrachte. Jedenfalls war die Gewinnspanne, die Gagosian für sich selbst ermittelt hatte, von beneidenswerter Üppigkeit.

          Auch wenn E-Mails das alles unbarmherzig offenlegen, will die Galerie sich keiner Schuld bewusst sein. Der ungewöhnliche Profit, so Gagosian, sei im Rahmen eines Kopplungsgeschäfts mit einem weiteren Gemälde zu sehen, das auch die Gerichte beschäftigte, bis es im vergangenen Jahr zu einem Vergleich in Höhe von 4,4 Millionen Dollar kam. Die Anwälte der Sammlerin zitieren Gagosian allerdings mit der Behauptung, das Bild sei beschädigt gewesen und habe darum keinen höheren Verkaufspreis erzielt. Einigung herrscht weder darüber, wie die Beschädigung aussah, noch, ob es sie überhaupt gab.

          Ein offener Einblick in den Kunsthandel

          Zehn Millionen Dollar Schadenersatz werden nun in der Klageschrift von Larry Gagosian verlangt, dem weltweit wohl einflussreichsten, deswegen auch umstrittenen Galeristen. Es ist nicht das erste Mal, dass er sich vor Gericht zu verantworten hat. Trotzdem schlägt in der New Yorker Kunstszene gerade dieser Fall schon hohe Wellen. Dass es hinter der glatten, glamourösen Galerienkulisse bisweilen ruppig zugeht und dass Geld die Kunst fest im Griff hat, wird hier nicht gerade als Schock wahrgenommen.

          Aber eine andere Sache ist es, damit so krass und überdeutlich konfrontiert zu werden. In seltener Direktheit und Ausführlichkeit geben die E-Mails den Blick auf den Kunsthandel und seine weniger appetitlichen Gepflogenheiten frei. Darin erinnert die Korrespondenz an das Kündigungsschreiben, in dem ein Derivatehändler von Goldman Sachs kürzlich die kundenverachtenden Praktiken seiner Firma preisgab. Der Skandal war da, aber seine Folgen dürften eher überschaubar bleiben. Auch für Gagosian mag das ein erster Trost sein.

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