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Kein Mangel an Käufern : Jahresbilanz der Auktionshäuser in Frankreich

  • -Aktualisiert am

Das Krisenjahr 2020 brachte den Auktionshäusern in Frankreich weniger Umsatz, mehr Digitalisierung – und gute Ergebnisse für Moderne sowie Asiatica.

          5 Min.

          Im vorigen Jahr haben der Lockdown und die erschwerten Reisebedingungen den Auktionsmarkt gezwungen, sich zu digitalisieren. Auch in Frankreich musste der Kalender neu organisiert werden. Online-Auktionen wurden zusammengestellt oder hybride Formate entwickelt, die Live-Auktionen im digitalen Raum ermöglichen. Grundsätzlich fehlte nicht das Interesse der Käufer. „Die größte Schwierigkeit, mit der wir zu kämpfen hatten, kam von der Seite des Angebots“, erklärt Guillaume Cerutti, CEO von Christie’s, denn „viele Kunden haben sich dazu entschieden, erst einmal abzuwarten und den Verkauf aufzuschieben“. Eine vergleichbare Analyse liefert Martin Guesnet, Europadirektor des größten französischen Auktionshauses Artcurial: „Die Befürchtung der Anbieter traf allerdings nicht ein. Denn sobald wir Ware hatten, haben wir sie gut verkauft.“ Die Entscheidungen, Werke in eine Auktion einzuliefern, seien extrem kurzfristig getroffen worden.

          Tatsächlich fehlte es an herausragenden Werken oder Sammlungen. Zur Erinnerung: 2019 hatte Sotheby’s mit der phänomenalen Kollektion des Künstlerpaars François-Xavier und Claude Lalanne gut 91 Millionen Euro eingespielt. Das Krisenjahr 2020 konnte die französische Filiale von Christie’s, der Cécile Verdier vorsteht, mit einem Umsatz von 221,3 Millionen Euro und einem vergleichsweise geringen Rückgang von 13,5 Prozent am besten bewältigen. Die privat verhandelten Geschäfte wurden während des Lockdowns von den großen internationalen Häusern stark vorangetrieben. Meistens bleiben die Umsätze dieser private sales vertraulich. Cerutti ließ wissen, dass Christie’s weltweit für die Rekordsumme von etwa 1,1 Milliarden Euro Kunstwerke außerhalb von Auktionen vermittelt habe. Laut Verdier trug die französische Filiale mit zehn Prozent zu den Privatverkäufen bei. Fast die Hälfte des französischen Umsatzes von Christie’s wurde also nicht bei Auktionen, sondern in den Büros erwirtschaftet. Manches interessante Werk ist daher für den öffentlichen Markt unsichtbar geblieben.

          Jean Royère: „Liane“-Wandlampe, bemaltes Metall, 168 mal 234 mal 18 Zentimeter, Zuschlag: 1,3 Mio. Euro (Taxe 400.000/600.000 Euro) bei Christie’s.
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          Zu den Erfolgen von Christie’s gehörte die Versteigerung der Skulpturensammlung des Kunsthändlers Paul Haim. Alle 41 Lose wurden verkauft, angeführt von Joan Mirós Plastik „Die Liebkosung eines Vogels“; sie wechselte für 3,9 Millionen Euro (Taxe 4/6 Millionen) den Besitzer. Die außergewöhnliche Sammlung, für die zehn bis fünfzehn Millionen erwartet wurden, erbrachte ein Ergebnis von zwanzig Millionen Euro. Bei Christie’s erging auch der höchste Zuschlag in Frankreich 2020 für ein Werk der Nachkriegsmoderne: Jean Dubuffets Gemälde „Pourlèche Fiston“ von 1963 überstieg mit 5,6 Millionen Euro (3/5 Millionen) die obere Erwartung. Die frühen Werke des 101 Jahre alten Malers Pierre Soulages werden schon seit Jahren hoch gehandelt. Zuletzt erzielte 2019 ein Bild von 1960 bei Tajan in Paris den Rekord von 8,2 Millionen Euro. Im vorigen Jahr allerdings blieb bei Christie’s eine blauschwarz schillernde „Peinture 162 x 130 cm, 9 juillet 1961“ mit 4,5 Millionen Euro weit unter ihrer Taxe von sechs bis acht Millionen hängen.

          Sotheby’s konnte 2019 – auch dank der Lalanne-Sammlung – einen Rekordumsatz von 354,6 Millionen Euro und eine Steigerung von 41 Prozent vermelden. 2020 ist der Einbruch deshalb besonders stark: In Frankreich setzte das Haus im Besitz des Unternehmers Patrick Drahi 173 Millionen Euro um, ein Minus von 51 Prozent. Die Toplose wurden im Bereich der Moderne und der Zeitgenossen zugeschlagen: Ein früher Soulages, „Peinture 130 x 162 cm, 14 avril 1957“, mit blauschwarzen, von innen heraus leuchtenden Farbquadraten, wechselte im Juni für 3,7 Millionen Euro (3/5 Millionen) den Besitzer. Bei der Auktion „Modernités“, die jedes Jahr im Oktober stattfindet und normalerweise die 2020 ausgefallene Herbstmesse Fiac begleitet, wurden für eine „Tête d’homme“, datiert „7.1.40“ von Picasso ebenfalls 3,7 Millionen Euro (4/6 Millionen) bewilligt. Ein monumentales „Transparence“-Gemälde Francis Picabias erzielte 3,3 Millionen Euro (2,8/3,5 Millionen): „Minos“ war 1929 von Picabias Händler Léonce Rosenberg in Auftrag gegeben worden und schmückte einst dessen Pariser Wohnung.

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