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Kampagne gegen Heinz Berggruen : Er kann sich nicht mehr wehren

  • -Aktualisiert am

Hat der Kunsthändler und Sammler Heinz Berggruen sein Leben gefälscht? Eine Biographie behauptet, er sei ein Betrüger. Eine Kampagne versucht nun, ein bewegtes Leben zu skandalisieren.

          Am vergangenen Samstag publizierte Stephan Speicher auf der ersten Seite des Feuilletons der „Süddeutschen Zeitung“ einen Artikel in Sensationsaufmachung: Heinz Berggruen, der mit Kunst nicht nur gehandelt, sondern auch für Zugang zu ihr gesorgt hat, soll mit seiner Lebensgeschichte als deutscher Jude und Emigrant gepokert, Geschäfte damit gemacht, Steuern hinterzogen und das schlechte Gewissen der Deutschen ausgenutzt haben. Das Buch einer bislang unbekannten Autorin, dem er all das entnimmt, erschien am selben Tag in einem etwas obskuren Verlag. Wie viele andere ähnliche Veröffentlichungen hätte davon niemand ein Aufhebens gemacht, wenn nicht Stephan Speicher die Chance erkannt hätte, auf Kosten eines Mannes, der nicht mehr widersprechen kann, mit fragwürdigen Enthüllungen hervorzutreten.

          Liest man daraufhin die 452 Seiten – plus mehr als hundert Seiten eng bedruckten Anhangs –, kann man bald nur noch den Kopf schütteln und sich fragen, wie es möglich war, dass Stephan Speicher derart distanzlos der Autorin folgt. Der jüdische Kunsthändler und Sammler Heinz Berggruen, der vor dem Zweiten Weltkrieg für die „Frankfurter Zeitung“ und danach auch für diese Zeitung schrieb, der in den neunziger Jahren Berlin seine einzigartige Kunstsammlung für angemessene 253 Millionen Mark verkaufte, dafür den Berliner Stülerbau gestellt bekam –, dieser Mann hatte Freude daran, im „Museum Berggruen“ Besucher mit seiner Begeisterung für Picasso, Giacometti und seinen Liebling Paul Klee anzustecken. Vor vier Jahren ist er in Paris gestorben.

          Vivien Stein will einen anderen Heinz Berggruen zeigen, nein: vorführen. Ihre persönlichen Motive dürften kompliziert sein, der Text wirkt hastig und wie in großer Wut geschrieben. Ihre Eltern sind jüdische Emigranten aus Berlin und Prag; ihr Buch arbeitet mit Suggestionen, die auch vor diesem Hintergrund bestürzen müssen, rufen sie doch Erinnerungen an antisemitische Klischees wach. „Heinz Berggruen. Leben & Legende“ ist in dem erst am 8.Juni gegründeten Edition Alpenblick Verlag in Zürich erschienen. Die Verlegerin Anne Rüffer, die noch einen zweiten Verlag rüffer&rub führt, will sich zum Thema nicht äußern, gibt aber sogleich die Telefonnummer ihrer einzigen Autorin weiter und verspricht: „Sie werden mit einer sehr intelligenten und beeindruckenden Frau sprechen.“

          Die umzingelt den Leser mit Anekdoten, Zitaten und Fußnoten, die belegen sollen: Heinz Berggruen sei ein Betrüger gewesen, er habe seine Lebensgeschichte, so wörtlich, „gefälscht“, viel zu früh seine Familie im Nationalsozialismus alleingelassen, habe sich mit seiner Geliebten in Paris eine schöne Zeit gemacht und vier Monate in Kopenhagen Undurchsichtiges getrieben, bevor er die Einreiseerlaubnis in die Vereinigten Staaten bekam. Dahin wäre er dann für einen flüchtenden Juden viel zu bequem und elegant gereist – und habe sogar 1900Dollar im Gepäck gehabt. In den Vereinigten Staaten habe er sich nicht ausreichend für die Juden in Europa eingesetzt und seine Eltern vernachlässigt. Dabei kennt Vivien Stein keine Abwägung nach Bedeutung. Jedes kleinste Thema wird über Seiten ausgebreitet und auf Unstimmigkeiten abgeklopft – dass Berggruen Frida Kahlo nach New York hinterherreiste und sie nicht gemeinsam durchbrannten, dass er nicht der persönliche Assistent von Diego Rivera, sondern nur der Mann für die Öffentlichkeitsarbeit bei einem Ausstellungsprojekt war – was bewiese das, wenn es bewiesen wäre? Wen interessiert es?

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