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Jubiläum der Armory Show : Wie man Narrheit zu Geld macht

Matisse für siebzig Dollar: Vor hundert Jahren krempelte die New Yorker Verkaufsausstellung „Armory Show“ die Moderne Kunst in Amerika um.

          Am 4. März 1913 legte Woodrow Wilson den Amtseid als 28.Präsident der Vereinigten Staaten ab. Der frühere Präsident Theodore Roosevelt, einer der unterlegenen Kandidaten, besuchte an diesem Tag eine Verkaufsausstellung in New York. Die „International Exhibition of Modern Art“, veranstaltet von der Ende 1911 gegründeten „Association of American Painters and Sculptors“, war am 17.Februar im Zeughaus („Armory“) des 69. Regiments der Infanterie an der Lexington Avenue zwischen 25. und 26. Straße eröffnet worden und ging als „Armory Show“ in die Geschichte ein. Sie gilt als Geburtsstunde der Moderne in den Vereinigten Staaten und wurde zum Vorbild auch für die gleichnamige New Yorker Kunstmesse, die seit 1994 an den Piers stattfindet.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Präsident des gastgebenden Künstlerbundes, Arthur B. Davies, schickte 1912 Walt Kuhn, einen Maler, der sein Auskommen als Zeitungskarikaturist hatte und für eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit sorgen sollte, nach Europa, um sich die berühmt gewordene Kölner Sonderbund-Ausstellung anzuschauen. Sie erlebte im vergangenen Jahr ihr Jubiläum und wurde den Amerikanern zur Künstler- und Ideenquelle. 2013 nun steht das Jahr der New Yorker Jahrhundertausstellung an. Sie wird unter anderem im Montclair Art Museum in New Jersey im Februar geehrt; in der New York Historical Society folgen dann im Oktober die umfangreichen Werbematerialien. Was aber bedeutete die „Armory Show“ für Kunst und Kunstmarkt damals und heute?

          Kein Besuch, aber eine lebendige Erinnerung

          Die Armory Show repräsentiert, wie auch die deutsche Sonderbundschau, den Typus des legendären Ereignisses, das die Erinnerung erfinderisch werden lässt. Auf der ersten Seite des Kataloges wurde angekündigt, dass die meisten Werke verkäuflich waren. Von Matisse wurde nur eine Zeichnung verkauft, für 67,50 Dollar. Das „Rote Studio“, heute im Museum of Modern Art, für das 4050 Dollar verlangt wurden, ging an den Künstler zurück. Der Kunsthändler Frederic C. Torrey aus San Francisco kaufte Duchamps Akt unbesehen für 324 Dollar. Die Ausstellung umfasste sagenhafte 1275 Stücke, ein Drittel aus Europa, zwei Drittel aus Amerika. Ausführlich hat William Carlos Williams den Eindruck beschrieben, den das Gemälde „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ von Marcel Duchamp auf ihn machte.

          Er habe lachen müssen - vor Erleichterung. „Noch nie hatte ich so etwas empfunden. Ich war gewaltig aufgewühlt.“ Um das Bild war „eine Atmosphäre der Befreiung, der Befreiung der Farbe, der Befreiung von stereotypen Formen und schalen Themen“. Nach Auskunft seiner Biographen hat Williams die Ausstellung nicht gesehen, sondern lernte Duchamps Werke später bei seinem Dichterkollegen Walter Arensberg kennen. Roosevelts Besuch dagegen ist verbürgt. Der alte Haudegen hat sich mit einer eigenhändigen Rezension in den Kritikerstreit eingemischt. Seine als „Ansicht eines Laien“ ausgewiesene Besprechung erschien am 29. März, zwei Wochen nach Ausstellungsende.

          Was Roosevelt von den Malern hielt

          Es ist glaubwürdig, dass Roosevelt beim Gang durch die achtzehn Ausstellungsräume immer wieder „Das ist doch keine Kunst!“ ausgerufen haben soll. Erst recht ist ihm zuzutrauen, dass er zielstrebig das Bild mit dem größten Skandalpotential ansteuerte und tatsächlich vor Duchamps Gemälde von den Kuratoren wissen wollte, wo sich denn bitte der nackte Mensch verstecke. Roosevelt war ein Showman und bewegte sich unter seinesgleichen. Arthur B. Davies ließ es sich nicht nehmen, Roosevelt persönlich durch die Ausstellung zu führen, von Präsident zu Präsident - Sonderführung für Prominente, ein wirksamer Marketingschachzug.

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