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Jonathan Meeses Wagnerwahn : Kunst ist keine Kulturmenschelei

  • -Aktualisiert am

Er nimmt es noch einmal mit Richard Wagner auf: Neues aus Meesopotamien gibt es bei der Galerie Sabine Knust in München. Gegen das Kulturevent, für den Komponisten – denn dieser, so Meese, „hatte noch ein Gesicht“.

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          „Chemisch gereinigte Weicheierwagnerianer haut ab, bitte“, schreibt Jonathan Meese auf die Wand des dem „Erzrichard Wagner“ gewidmeten Raums. Acht Stunden lang bearbeitete der Künstler alle vier Seiten von der Decke bis zum Boden. Er schrieb sie voll in seiner wilden Sprachjongleur- und Wortdreherart, setzte graffitimäßige Zeichnungen in den Letterndschungel und klebte noch schnell die hundert Blatt eines frisch geschriebenen Manifests dazu. Kein Zweifel, den Besucher hat es nach „Meesopotanien“ verschlagen.

          Mitten im Raum sprengt die berühmte Bayreuther Pausenbratwurst, überdimensional proportioniert, eine Kasperletheater-Bühne. „Ich“ steht auf der Riesenwurst - und lässt rätseln: Meese, der unfreiwillige Hanswurst im Bayreuther Ränkespiel? Oder eine Persiflage auf aufgeblasene Bayreuther Egos (für 18.000 Euro)? Denn dieser Stachel dürfte tief sitzen: Bekanntlich sollte Jonathan Meese 2016 dort den „Parsifal“ auf die Bühne bringen, doch kündigte der Grüne Hügel im vergangenen Jahr den Vertrag mit fadenscheinigen Finanzargumenten. Drei Jahre intensiver Vorbereitungen waren erst einmal für die Katz. Vermutlich zu Recht hörte Meese hinter dem Affront das Säbelrasseln mächtiger konservativer Hintermänner und prangerte eine „Kunsthasskampagne“ an.

          „Die neue Zeit“ der Kunstdiktatur

          Jetzt, wo in Bayreuth die Wagner-Festspiele wieder über die Bühne gehen, zeigt der Künstler mal seine Auffassung von Richard Wagner, in dessen Welt der Mythen und Heroen er noch einmal voll eingetaucht ist. „Chefsache Richard Wagner“ läuft in München in der Galerie von Sabine Knust, wo man nach mehreren druckgraphischen Projekten auch Meeses jüngste Edition auflegte, die „Erzchefsache: Bayreuth (Operz De Hottie De Large)“. Die zehn handbemalten, collagierten Radierungen kosten im Subskriptionspreis 20.000 Euro, die Einzelblätter sind für 2400 Euro zu haben; Auflage je dreizehn Exemplare.

          Erstmals zeigt die Galerie nun Malerei des Künstlers, sämtlich Arbeiten aus diesem Jahr; die Seite zwei des besagten Manifests proklamiert: „Kunst ist keine Kulturmenschelei“. Damit ist es Meese sehr ernst, er ist ein Eventhasser, und immer wieder bekommt der Kulturbetrieb deshalb eins aufs Dach: So ist das Gemälde des stattlichen 2,7 Meter großen Parsifalmeese=Meeseparsifal mit Speer und den langen Locken seines Schöpfers in echter Meesesprache betitelt: „Der liebevollste Kunstdiktator ,K.U.N.S.T.’ ,entkulttourt‘ alle(s), wie S.A.U. Ratzfatzt . . .“ (63.000 Euro). Ein Film auf seiner Website zeigt den Künstler, wie er seiner geduldigen Mutter im Atelier Bilder dieser Ausstellung erklärt. Überall ist Wagner - es lohne sich, ihn zu porträtieren; denn er „hatte noch ein Gesicht“. Im Unterschied zu den Leuten, so schimpft der Künstler, „die heute auf dem Hügel die Macht haben. Die haben kein Gesicht und können sich auch keins kaufen.“

          Da gibt es Richard Wagner, den bissigen, mit scharfer Kauleiste. Es gibt ihn mit dicker Narbe; denn er habe gekämpft, anders als „die Kulturpissnelken, die nicht mehr kämpfen“. Und es gibt ihn mit tiefer Wunde, aus der sich nach Meeses Wunschvision „die neue Zeit“ der Kunstdiktatur entwickelt.

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