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Galerist Johann König : MeToo im Netzwerk des Kunsthandels

Johann König Bild: picture alliance/dpa

Der Kunsthändler Johann König soll Frauen belästigt haben. Die Vorwürfe sind vage. Wie gefährlich können sie ihm werden?

          3 Min.

          Vier Jahre ist es her, dass die MeToo-Bewegung vom britischen Kunstmagazin „Art Review“ in den Kreis der Mächtigsten des globalen Kunstbetriebs aufgenommen wurde und auf Platz drei der Liste „Power 100“ schoss. An deren Spitze stand ein Großgalerist, der auch in der aktuellen Aufzählung weit vorne liegt. MeToo kommt dagegen nicht mehr vor. Doch nun können neu erhobene Vorwürfe gegen einen der wichtigsten deutschen Kunsthändler, der auch in der obersten Liga mitspielt, erweisen, ob die öffentliche Bezichtigung eines mächtigen Mannes in der Kunstwelt noch große Wucht zu entfalten vermag – obwohl die meisten der mutmaßlichen Vorfälle sexueller Übergriffigkeit, auf die sich überwiegend anonyme Anschuldigungen beziehen, sogar mehr als vier Jahre zurückliegen sollen.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Rede ist von dem Berliner Galeristen Johann König. Ihm wird in einem von drei Journalistinnen recherchierten Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“ vorgeworfen, auf Veranstaltungen immer wieder übergriffig geworden zu sein. 2017 soll König auf Partys im Umkreis der Pariser Kunstmesse FIAC Frauen begrapscht, ohne deren Zustimmung geküsst oder sich an sie gepresst haben; eine weitere Frau soll er gewaltsam in eine Toilettenkabine zu drängen versucht haben. Im selben Jahr soll er im Berliner „Grill Royal“ einer Frau einen Zungenkuss aufgenötigt haben. Es wird von Klammergriffen, Anzüglichkeiten und Aufforderungen zum Sex berichtet. Um „Kapitalverbrechen“ gehe es nicht, hält der Artikel fest; die Berliner Staatsanwaltschaft habe einmal Ermittlungen begonnen, diese aber wegen nicht hinreichenden Tatverdachts eingestellt. Strafanzeigen seien im Sande verlaufen. Die Schilderungen zeichnen das Bild eines Mannes, „der zuweilen Grenzen überschreitet, übergriffig ist und der seine Macht ausspielt und berufliche und private sexuelle Interessen miteinander vermengt“.

          Auf zehn Frauen, von denen nur eine ihren Namen nennen lässt, bezieht sich die „Zeit“: Die Kuratorin Alexandra Goullier gibt an, einen Übergriff beobachtet zu haben; eine als Sarah M. anonymisierte Architektin will selbst von König angegangen worden sein. Alle weiteren Äußerungen stammen aus anonymen Quellen. Die Frauen fürchteten, wenn sie sich offenbarten, negative Konsequenzen für ihre Karrieren im Kunstbetrieb.

          Wer mit wem gesehen werden will

          Letzteres ist nicht aus der Luft gegriffen, entscheidet über Erfolg und Misserfolg im Kunstzirkus doch vor allem Vernetzung. Auf Vernissagen, Empfängen, Preisverleihungen, Auktionen und Messen tritt das Wer-kennt-wen in Aktion, das Fortkommen ermöglicht und Millionenumsätze generiert. MeToo-Vorwürfe haben schon als Gerücht das Potential, das Geschäft eines Galeristen zu zerstören, sollte er zum Akteur werden, mit dem andere nicht gerne gesehen werden. Umgekehrt können sie Anklägerinnen, denen keiner glaubt, aus dem System stoßen. Gerade auf einem Markt, der verkauft, was nach sozialer Übereinkunft einer Elite für begehrenswert und kulturell hochstehend erklärt wird, kann das Hörensagen Werte pulverisieren – auch persönliche. Bisher hat es Johann König nicht geschadet, dass seit Jahren immer wieder Geschichten über sein womöglich übergriffiges Verhalten durch Berlin wabern. Zu den neuen Vorwürfen lässt er wissen: „Die Anschuldigungen sind haltlos und entsprechen nicht der Wahrheit. Ich werde in dieser Sache bereits anwaltlich vertreten, und es werden alle rechtlichen Schritte geprüft, um gegen die Verbreitung dieser falschen Tatsachen vorzugehen.“

          Popstar unter den deutschen Galeristen

          Die Kontrolle über seine Außenwirkung hat König bisher immer behalten. Er gilt als Popstar unter den deutschen Galeristen. Als Sohn des Kurators Kasper König und Neffe des Kunstbuchhändlers Walther König eröffnete er mit 22 Jahren eine Galerie für zeitgenössische Kunst in Berlin – obwohl er kaum sehen konnte. Davon erzählt sein Buch „Blinder Galerist“. König veranstaltete in der Kirche St. Agnes spektakuläre Ausstellungen und eine Kunstmesse, expandierte nach Wien und Seoul. Unter den vierzig Künstlern, die er vertritt, sind Größen wie Norbert Bisky, Katharina Grosse und Alicja Kwade. Auf wichtigen Messen ist er dabei, er hat ein Magazin, Podcasts und ist auf Instagram. An König kommt, auch in dieser Hinsicht, keine vorbei.

          Die gleichfalls in der „Zeit“ lancierten, viel schwereren Anschuldigungen gegen Dieter Wedel haben gezeigt, dass alles, was nicht abschließend rechtsfest geklärt ist, im Raum bleibt als anhaltendes Raunen. Die Geschicke der Galerie König könnten sich daran entscheiden, wie das Hörensagen wirkt: abseits der Justiz, als Macht auf einem Markt, der nicht alles allein regeln sollte.

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