https://www.faz.net/-gqz-reys

Interview : Warum Kunstmessen den Galeriebesuch nicht ersetzen: Ein Gespräch mit Bernhard Wittenbrink

  • Aktualisiert am

Bernhard Wittenbrink findet Messen für anerkannte Positionen der Kunst ideal. Ansonsten sei es wichtiger innovativ an der Basis zu abreiten, als einen Wanderzirkus zu betrieben.

          Bernhard Wittenbrink betreibt seit 26 Jahren gemeinsam mit seiner Frau Hannah eine Galerie für zeitgenössische Kunst - zunächst in Regensburg, dann in München. Im Mai 2004 wählte ihn der Bundesverband Deutscher Galerien (BVDG) zu seinem Vorstandsvorsitzenden.

          Herr Wittenbrink, Sie sind Vorstandsvorsitzender des BVDG, der bekanntlich der Art Cologne traditionell eng verbunden ist. Sie nehmen dennoch mit Ihrer Galerie diesmal nicht an der Messe teil und nach zahlreichen Teilnahmen in Basel, Paris, Frankfurt, Berlin, Madrid und Bologna derzeit auch an keiner anderen Messe. Was halten Sie von Kunstmessen?

          Da muß ich differenzieren. Ich bin selbstverständlich nicht grundsätzlich gegen Messen: Für den Handel mit anerkannten und durchgesetzten Positionen der Kunst, die gewissermaßen schon Warencharakter haben, finde ich sie ideal. Aber für alles, was davor kommt, sind sie schädlich. Der Sammler denkt vielleicht: „Wozu in Galerien gehen, auf der Messe sehe ich doch alles.“ Doch in Wahrheit sieht er nichts als Einzelwerke. Einen Künstler versteht man aber nur, wenn man den Kontext, eine gesamte Ausstellung anschaut. Mein Entschluß, mich wieder mehr auf die Galeriearbeit zu besinnen, fiel, um Kunst und Künstler wieder ins Zentrum meiner Arbeit zu rücken.

          Wie steht es um das Argument, Messen seien der ideale Ort, neue Kontakte zu knüpfen und alte Kontakte aufzufrischen?

          Das ist sicher das Wichtigste. Gerade für abgelegenere Galerien bietet sich da die Gelegenheit, sich zu zeigen. Aber auch denen rate ich, mehr in die Galeriearbeit zu investieren, dann kommen auch die Leute. Am lautesten jammern oft diejenigen darüber, daß die Galerien jetzt immer leer seien, die fünf, sechs Messen bedienen - da bleibt kaum Zeit, ein ordentliches Ausstellungsprogramm auf die Beine zu stellen: statt Wanderzirkus lieber ein, vielleicht zwei Messen gut machen und innovativ an der Basis zu Hause arbeiten.

          Wie ist die Zusammenarbeit des BVDG mit der Art Cologne?

          Eine gute Partnerschaft, in der man sich gegenseitig hilft und stärkt. Die Art Cologne ist auf einem guten Weg - und Gérard Goodrow versteht, was ich bei meinem Nachdenken über Messen meine. Köln sollte stolz darauf sein, die größte und stärkste deutsche Kunstmesse auszurichten, und ihre Stärken akzeptieren, die, genau wie in Berlin, nicht vorrangig im internationalen Zuschnitt liegen. Den hat eigentlich nur Basel, aufgrund der speziellen geographischen und rechtlichen Lage und der Bankensituation. Und wenn man meint, so gut wie Basel sein zu müssen, läuft man nur ewig hinterher.

          Zurück zur Galeriearbeit: Sie haben eine kleine Filiale im Herzen Münchens in der Einkaufspassage „Fünf Höfe“ eröffnet. Geht das erweiterte Konzept auf?

          Wir haben gerade den Mietvertrag auf zehn Jahre verlängert. Das Projekt war eine Frucht unserer Überlegungen. Man muß wieder dorthin, wo die Leute sind. Unser Raum ist wie eine Mausefalle, in der wir interessiertes Publikum abfangen, das wir normalerweise nicht erreichen. Aus demselben Grund kehren einige meiner Münchner Kollegen von der Etagen- zur Ladengalerie zurück; man muß sich bewegen, Ideen haben. Der Prozeß dauert natürlich - zehn bis fünfzehn Jahre, denke ich -, bis Messen wieder sind, was sie sein sollten, nämlich gute Handelsplattformen. Und bis die Galerien wieder die Orte sind, wo Kunst gefördert und sichtbar gemacht wird, um dann, vom Sammler langsam weitergetragen, irgendwann im Museum zu landen. Im Augenblick machen wir es doch andersherum: Wir tun so, als wüßten wir, wer die nächsten wichtigen Künstler sind, und hängen das gleich groß hin. „Frieze“ ist ein gutes Beispiel für diese gehypten Dinge.

          Sie haben also Ihr Rezept gefunden. Aber jetzt die Frage an den Chef des BVDG: Wie stehen Ihrer Einschätzung nach die deutschen Galerien derzeit da? Wie lauten Ihre Prognosen?

          Meines Erachtens ist das „Jammertal“ längst durchschritten. Aber Deutschland neigt immer dazu, negative Zahlen hochzuspielen. Nie wird zum Beispiel gesagt, daß wir die höchste Außenhandelsbilanz in der Geschichte der Bundesrepublik haben. Trübe Stimmung schlägt durch; wir bemerken alle eine gewisse Kaufzurückhaltung. Da sollten wir mit Optimismus gegenhalten. Gerade unsere Klientel hat nach wie vor Geld.

          Wie sieht Ihre Politik als Verbandsoberhaupt aus?

          Ich will mehr Durchsichtigkeit für die Mitglieder und betreibe deshalb offene Informationspolitik. Ich möchte, daß man gut Kunsthandel betreiben kann. Also haben wir zwei „Hotlines“ eingerichtet: Eine zu steuerlichen Fragen und eine zu juristischen. Wir kümmern uns in Berlin um die für unser Metier heiklen, hier aber auch europaweit anstehenden Gesetzesausgestaltungen (das Folgerecht, den drohenden Wegfall des ermäßigten Steuersatzes und ähnliches). Und ich möchte eben mein Anliegen „zurück zu den Wurzeln“ vorantreiben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unterstützer von Meng Wanzhou demonstreiren vor dem Gericht in Vancouver für die Freilassung der Huawei-Finanzchefin.

          Kanadisches Gericht : Huawei-Finanzchefin kommt gegen Kaution frei

          Der Richter in Vancouver sah keine große Fluchtgefahr: Meng gibt ihren Pass ab, trägt eine elektronische Fessel und hinterlegt umgerechnet zehn Millionen Euro Kaution. Trump hat angekündigt, sich eventuell in das Verfahren einzuschalten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.