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Internationale Auktionen : Wie läuft die Akquise?

  • -Aktualisiert am

Ein Mitarbeiter von Christie’s und Kunstwerke aus der Auktion mit moderner britischer Kunst im Januar 2020. Bild: EPA/Andy Rain

Wer ist im Moment überhaupt bereit mit Kunst zu handeln und wie? Fragen an Dirk Boll von Christie’s, Oliver Barker von Sotheby’s und Cheyenne Westphal von Phillips.

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          Die großen internationalen Auktionshäuser Christie’s, Sotheby’s und Phillips kündigen derzeit fast wöchentlich neue Online-Only-Auktionen an, um die Durststrecke bis zur Lockerung der Bewegungsfreiheit – und damit bis zu den nächsten Live-Auktionen – zu überbrücken. Die letzten Auktionen im Saal fanden bei Christie’s am 18. und 19. März in London noch sehr erfolgreich statt, obwohl nur eine Handvoll Besucher vor Ort war. Der Rest verfolgte das Geschehen über „Christie’s Live“, was übrigens schon seit 2006 möglich ist, und bot online oder über die Telefone der Spezialisten im Saal mit.

          Sotheby’s war es kurzfristig gelungen, seine Londoner Live-Auktion mit „Modern and Contemporary Middle Eastern Art“ sowie fünf weitere Live-Auktionen in Online-Only-Auktionen umzuwandeln. Von Bedeutung ist hierbei: Im Gegensatz zu Live-Auktionen gilt bei reinen Online-Auktionen das „Fernabgabegesetz“, das ein zweiwöchiges Rückgaberecht für das ersteigerte Los ohne Angabe von Gründen einräumt. Das macht diese Form der Versteigerung für die Einlieferer wie die Auktionshäuser unbequem. Wegen dieser unterschiedlichen rechtlichen Bestimmungen musste Sotheby’s vorher kurzfristig die Zustimmung der Einlieferer einholen. Die Zahlen sprechen allerdings eher für den Erfolg der digitalen Auktionen: Bis zum 15. April hatte Sotheby’s in diesem Jahr bereits 89 Prozent mehr Lose online verkauft als im Vergleichszeitraum 2019 – was natürlich auch an der gravierend veränderten Situation liegt.

          Dieser Prozess ist gerade massiv gestört

          Diese frühen Erfolge lassen sich allerdings nicht problemlos wiederholen. Tatsächlich war die Akquise für die größeren dieser Auktionen bereits vor der Einschränkung der Bewegungsfreiheit abgeschlossen. Außerdem eignen sich viele Versteigerungen nicht zur Umwandlung ins Online-Only-Format, vor allem wenn es um sehr hohe Werte geht. „Das größte Problem für Auktionen in den kommenden Monaten ist, dass Werke derzeit nicht von unseren Experten begutachtet und geschätzt werden können. Dieser Prozess ist gerade massiv gestört“, erklärt Dirk Boll, bei Christie’s Präsident für Europa, den Mittleren Osten, Russland und Indien (Emeri). Doch auch wenn verunsicherte Sammler derzeit nicht verkaufen wollen, geht das Geschäft mit der Kunst weiter: „Viele Leute haben jetzt andere Sorgen“, sagt Boll, „trotzdem ist die Grundversorgung durch die ,drei Ds‘ – death, debt, divorce – eigentlich immer gesichert.“ Zudem müssen die professionellen Kunsthändler auch weiterhin kaufen und verkaufen, wobei sie oft nicht nur auf ihre eigenen Kontakte zurückgreifen, sondern auch auf die größere Plattform der Auktionen.

          Es überrascht nicht, dass Sotheby’s, Christie’s und Phillips nun massiv in die Sparte private sales investieren, die in den letzten Jahren starke Umsatzzuwächse verzeichnet. Neu ist dabei, dass man einige dieser privat zum Verkauf stehenden Werke öffentlich auf den Internetseiten der Auktionshäuser betrachten kann, zum Teil sogar mit Preisschild. Das soll nicht nur Käufer, sondern auch Verkäufer auf diesen Geschäftszweig aufmerksam machen. Die private Vermittlung bietet „eine gute Möglichkeit für uns, mit Leuten in Kontakt zu treten, die derzeit zum Handeln bereit sind“, sagt Cheyenne Westphal, Global Chairwoman von Phillips. Auf der Website von Phillips werden derzeit 29 zeitgenössische Kunstwerke angeboten, darunter eine „African American Flag“ des amerikanischen Konzeptkünstlers David Hammons für 1,5 bis zwei Millionen Dollar. Für dieses Werk ist der Preis nur auf Anfrage zu erfahren, bei den weniger teuren wird er genannt.

          Auch Christie’s führt auf seiner Website unter private sales viele Objekte auf. „Der gewünschte Geheimhaltungsgrad ist unterschiedlich“, sagt Boll. „Mancher Besitzer hat kein Problem damit, wer alles weiß, dass er ein bestimmtes Werk verkaufen möchte, zum Beispiel weil es schnell gehen soll oder weil der Preis ohnehin bekannt ist, wenn das Werk bei einer Auktion durchgefallen ist.“ Oliver Barker, Auktionator und Chairman von Sotheby’s Europe, weist auf die bei Sotheby’s bereits etablierten Ausstellungen mit Werken zum privaten Verkauf hin und hebt hervor, „dass nicht alle sogenannten private sales dem Wunsch nach Privatheit entstammen“. Bei Sotheby’s stehen seit Ende März schon mehr als hundert Objekte auf der Website, darunter auch Schmuck und Wein. Bei den Alten Meistern ist ein Blumenstillleben von Christoffel van den Berghe für 1,2 Millionen Dollar im Angebot.

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