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In Wiener Galerien : So leicht, wie es aussieht?

  • -Aktualisiert am

Sommerlicher Rundgang durch Wiener Galerien: Jongsuk Yoon bei Nächst St. Stephan, Liesl Raff bei Sophie Tappeiner und Joannis Avramidis bei Crone.

          3 Min.

          Eine sommerliche Atmosphäre empfängt Besucher in der Wiener Galerie nächst St. Stephan. Auf den abstrakten Großformaten der deutsch-koreanischen Künstlerin Jongsuk Yoon leuchten gelbe Flächen so, als strahlte die Sonne. Wer in den neuen Ölgemälden der seit 25 Jahren in Düsseldorf lebenden Malerin Landschaften ausmacht, liegt nicht falsch. Die schwebenden geometrischen Figuren, durchscheinend und mit weichen Konturen, lassen an Wolken, Heuhaufen oder Berge denken. Der Titel des Bilds „Kumgang“ (51.500 Euro) stellt eine Referenz an ihr Herkunftsland dar: So heißt der Gebirgszug, der als natürliche Grenze Nord- und Südkorea trennt. Ein expressiv gepinselter (Stör-)Körper im Vordergrund durchbricht die pastellige Harmonie, vielleicht eine Assoziation an die politische Bedeutung dieser Landschaft? Die gestischen Linien und die schattigen Partien verleihen den bis zu vier Meter breiten Leinwänden ihre Spannung. Dass die 1965 geborene Künstlerin die Musik Gustav Mahlers und den abstrakten Expressionismus von Joan Mitchell liebt, erscheint nur folgerichtig.

          Bei seiner Eröffnungsrede hat der Kurator Robert Fleck zur Technik Jongsuk Yoons erwähnt, dass sie Pinsel mit beiden Händen führt. Im zweiten Raum der Galerie hat sie mit Gouache direkt auf die Wand gemalt. Das Ergebnis „Air“ wirkt derart plastisch, dass man es zunächst für eine Leinwandarbeit hält. Die benachbarten kleineren Ölbilder „Big Bird“ (7900 Euro) und „Eine Wolke“ (18.400 Euro) gehen ob ihrer gedeckten Farbpalette etwas unter. Ganz zarte Töne schlägt die Künstlerin im letzten Raum an. Die schwerelosen Kompositionen „Pink Frühling“ (47.300 Euro) und „Winter Sun“ (18.400 Euro) gewinnen durch Weißübermalung dunkler Flächen an Tiefe. (Bis zum 27. August.)

          Im verlängerten Schatten des Wiener Stephansdoms liegt auch die Galerie Sophie Tappeiner. Die Galeristin zählt zur jüngsten Generation auf dem Wiener Parkett und vertritt, bis dato, ausschließlich Künstlerinnen. Derzeit präsentiert sie Liesl Raff, deren zweite Solo-Schau ein tropisches Flair verströmt. Die geborene Stuttgarterin, Jahrgang 1979, hat an der Wiener Kunstakademie bei Monica Bonvicini ihr Diplom gemacht. Die aktuelle Ausstellung „About Palms, Snakes and Tongues“ wurde von einem Aufenthalt in Mexiko inspiriert, wo Raff die einfache Bauweise von Straßenkiosken ebenso einprägsam fand wie die Architektur des Modernisten Luis Barragán. In der Galerie hat sie ein Vordach aus Palmblättern wie eine Markise über den Schaufenstern fixiert. Eine originelle Idee, da die Fensternischen nun wie Rückzugsorte vor der Sonne erscheinen. Das Flechtwerk des Dachs findet ein Echo in den korbartigen Objekten, die gegenüber an der Wand hängen. Für die Serie mit dem Titel „Pool“ (je 3600 Euro) wurden aber keine Fasern verwendet, vielmehr handelt es sich um dünne Abgüsse aus Epoxydharz und Latex. Bei der Betrachtung der hautfarbenen, teils eingedrückten Plastiken fängt man über die Materialität zu mutmaßen an: Sind sie so leicht, wie sie aussehen? Fühlen sie sich hart oder weich an? Die amerikanische Künstlerin Eva Hesse machte in den sechziger Jahren Kautschuk als künstlerischen Werkstoff prominent. An Hesses tropfenförmige Skulpturen erinnert Raffs von der Decke hängende Arbeit „Cascade“ (16.000 Euro). Dafür wurden Palmwedel in bernsteinfarbenes Gummi eingegossen. Die Künstlerin machte die Erfahrung, dass sich die Blätter von Dattelpalmen in Latex biegen, so dass sie am Ende einer Zunge gleichen. Raffs sinnlichen Arbeiten möchte man näher kommen, sie berühren. (Bis zum 28. August.)

          Ganz anders ist das in der Galerie Crone, die derzeit mit Joannis Avramidis (1922 bis 2016) ein Schwergewicht der einheimischen Bildhauerei präsentiert. In Österreich kommt kein Skulpturengarten, der etwas auf sich hält, ohne die stelenförmigen, antropomorphen Bronzen des Wotruba-Schülers aus. Er gilt als Vertreter einer moderaten Moderne. Die Schau „Another Look“ möchte mit Zeichnungen, Skizzen und Schablonen aus dem Nachlass Einblick in den Arbeitsprozess des Künstlers geben, der sich selbst gerne als „Hellenen“ bezeichnete. Tatsächlich stammt er aus einer griechischen Familie in Georgien und wurde 1943 mit 21 Jahren als Zwangsarbeiter nach Österreich verschleppt. Das klassische Schönheitsideal – das er in seinen Köpfen und schreitenden Figuren abstrahierte – hatte für den ins Exil Gezwungenen also eine persönliche Bedeutung. Die jetzige Präsentation zeigt, wie mathematisch der zweifache Documenta-Teilnehmer seine Skulpturen konzipierte.

          Den Auftakt machen Planungszeichnungen von „Orthogonalen Bandfiguren“ (12.000 bis 18.000 Euro), die Avramidis um 1970 mit Rotstift gemacht hat; als Aluminiumskulptur kostet eine kleine „Bandfigur“ 35.000 Euro. Bekannt wurde Avramidis jedoch für die typisch abgerundeten Figuren, die ihm Vergleiche mit Brancusi eingebracht haben. Für das Gussverfahren dieser Rundfiguren fertigte der Künstler Mittelprofile aus Aluminiumblech, die bei Crone eine prominente Rolle spielen: wie etwa „Konstruktion zu KopfII“ von 1980, die er auf einer Kunststoffplatte fixierte und rot bemalte (60.000 Euro). So gut diese Atelierobjekte aussehen: Hat Avramidis sie wirklich als autonome Werke betrachtet? Zeitlebens trat er als Schöpfer klassischer Bronzen auf. Jedenfalls kommt sein hermetisches Werk in dieser Ausstellung so frisch daher wie schon lange nicht mehr. (Bis zum 29. August.)

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