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Chinesische Kunst : Unikate zum Massenkonsum

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Seine Pop- und Performanceart, die Zitate verdrängter chinesischer Kultur aktuellen Kontexten anverwandelt, brachte den chinesischen Künstler Zheng Guogu bis zur documenta 12. Die Kölner Galerie Barbara Gross erlaubt jetzt einen Blick auf sein vielgestaltiges Werk.

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          Viele Säcke knirschenden Kies hat Zheng Guogu in den dritten Stock hinauf schaffen lassen, damit man in den Räumen der Galerie Barbara Gross wie in einem chinesischen Garten spaziere. Mit sperrigen Holzeinbauten sorgt er außerdem für das Prinzip der gewundenen Wege, mit dem die fernöstlichen Anlagen den Blick aufs Ganze verhindern um immer wieder Neugier auf den Ausblick hinter der nächsten Biegung zu schüren. Die Überraschung glückt. Weil Zeng Guogo sich in vielen Medien ausdrückt, entsteht der Eindruck, daß hier Viele am Werk waren - wo tatsächlich nur Einer ausstellt.

          Zheng Guogo wurde 1970 in der nahe Hongkong gelegenen Provinz Guangdong geboren, wo Deng Xiaoping wenige Jahre später die ersten Sonderwirtschaftszonen einrichtete. Früher als im übrigen China fassten hier westliche Einflüsse Fuß, und Zheng wuchs mitten im rapiden Wandel auf, den der Umbruch vom Kommunismus zu kapitalistischen Strukturen und zum gänzlich verlernten Individualismus bedeutete, den die jüngeren chinesischen Künstler thematisieren wie ein exotisches Gewächs.

          Geliehene Rituale

          Daß Zheng aus einer Pop- und Performance-Ecke kommt, deutet die Fotoserie „My Bride“ von 1995 an: Fiktive Hochzeitsfotos zeigen den Künstler mit einer Auserwählten als westlich aufgedonnertes Brautpaar posierend, bevor die Kamera Distanz aufnimmt und das Theaterhafte des geliehenen Rituals mit Bildern der Ateliersituation dokumentiert. Seine Landsleute dürften aber noch stärker die Serie „Honeymoon“ befremdet haben, die Zheng Guogo ein Jahr später mit seiner - nunmehr echten - frisch Angetrauten in einer verliebten Privatheit zeigt, die man „Nan Goldin auf chinesisch“ nennen möchte. (Beide Serien je acht Bilder, Auflage 10; je 38.500 Dollar).

          Die jüngste Sprosse auf einer steilen internationalen Erfolgsleiter war für Zheng die Einladung zur aktuellen documenta 12. Für seinen Beitrag frittierte er kleine, in Teig gehüllte Panzer in Öl, als wären sie Frühlingsrollen, und geknüllte Kalligraphieblätter übergoß er solange mit Wachs, bis sie den weichlinigen Felsen chinesischer Illustrationen glichen. Nicht, daß Zhen Nostalgiker wäre, im Gegenteil: Die Zitate verdrängten chinesischen Kulturguts erfahren im Kontext mit seinem ganz im Heute stehenden Werk Aktualisierung - das bedeutet, sie stiften Identität.

          Kunstmarkt-Spötter

          Zu Hause wie auch im Westen kommt das gut an; er ist blendend im Geschäft - und in der Serie „Ten Thousand Customers“ nimmt er den Kunstmarkt munter auf die Schippe. Unscharf fotografierte TV-Bilder, reihenweise mit Fotos von Spielzeugautos überblendet, lässt er von Assistenten in aufwendiger Handarbeit von einem weißen Gitter durchrastern. Auf 10.000 Stück ist das Projekt angelegt; jeder Käufer muß mindestens sechs Stück zum Gesamtpreis von 18.000 Dollar erwerben. Dass er jedoch nicht wählen kann, sondern nehmen muß, was man ihm zuteilt, ist fester Bestandteil des ironischen Konzepts, das mit massenhaft hergestellten Unikaten zum Thema Massenkonsum den Tanz ums Unikat bloßstellt. (Bis 18. August.)

          Mehr chinesische Kunst zeigt die Galerie Traversée in der Schau „China's Next Wave“, die Szewan Leun kuratierte. Die künstlerische Direktorin des Museum of Contemporary Art von Shanghai wählte für ihre Vorstellung „aufstrebender Kunst aus China“ sechs Künstler, die fast alle im Ausland leben oder gelebt haben und Einflüsse kultureller Migration auf die chinesische Kunstszene spiegeln. Wie da Chow Chun-Fais riesige Fotocollage Michelangelos „Schöpfung Adams“ mit Selbstporträts blasphemisch umdeutet, zeugt von hohem Selbstbewusstsein und keinesfalls von Komplexen gegenüber Säulenheiligen europäischer Renaissancemalerei.

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