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In Kölner Galerien : Ton, Steine, Beton

  • -Aktualisiert am

Nicht nur für Kenner: Outsider-Art in der Gruppenschau „Just Another Day“. Außerdem Yelena Popova und Michael Heizer.

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          „Just Another Day“ heißt eine Ausstellung in der Galerie Delmes und Zander, die sich per Skype oder Facetime besuchen lässt, aber auch analog und leibhaftig in den Räumen an der Kölner Lindenstraße zugänglich ist. „Kein besonderer Tag“ – als durchaus besonders dürfen die Werke der Künstlerinnen und Künstler in dieser Gruppenschau gelten, allesamt Charaktere, die sich in eigenen gedanklichen Universen bewegten, exklusives Wissen über die Welt generierten und daraus exzeptionelle Kunst hervorgehen ließen: Zeichnungen, Stickereien, Polaroids, konzeptuelle Grafik, serielle Blätter, bisweilen in einer ausufernden Anzahl, die gegen unendlich tendiert. Es seien längst nicht mehr nur Connaisseure der Outsider-Art, die solche Werke kauften, so die Galeristin Susanne Zander, vielmehr kämen auch junge Sammler, die sich ganz einfach für zeitgenössische Kunst interessierten.

          Etwa für die symbolistischen Fotokopien mit Tabellen, Schautafeln, Mischtechniken des gelernten Elektrikers Harald Bender (1950 bis 2014), der, nachdem er arbeitslos wurde, in den siebziger Jahren an der Berliner Hochschule der Künste studierte. Dort wurde er, aus nicht bekannten Gründen, zwangsexmatrikuliert. Hirngespinste bemächtigten sich der Geisteswelt des jungen Mannes: Einen Uterus wähnte er in sich mitsamt einem sicherlich belastenden atomaren Geheimnis. Fortan taufte sich der Künstler Adelhyd van Bender. Mehrere hundert Aktenordner füllen in der Galerie die Regale mit dem Nachlass; was er in den Abertausenden Diagrammen – auf Geheiß höherer Mächte – akribisch und tabellarisch chiffriert, dürfte eine Wissenschaft für sich sein. Von bezwingendem Charme sind hingegen die farbigen Zeichnungen des Amerikaners „Prophet“ Royal Robertson: Als seine Ehefrau den gelernten Schildermaler aus Louisiana 1955 nebst gemeinsamen zwölf Kindern verließ, vermutete er im anderen Geschlecht eine Verschwörung gegen sich und wetterte in Bildern dagegen, die an Raymond Pettibon denken lassen. Eine lokale Berliner Legende war Helga Goetze (1922 bis 2008): In Wandteppichen und Zeichnungen beschwor die lebensfrohe Aktivistin, die sich auch Helga Sophia nannte, die befreiende und erlösende Kraft der Sexualität – dies seit 1983 in täglichen Demonstrationen vor der Berliner Gedächtniskirche; Rosa von Praunheim hat ihr ein filmisches Porträt gewidmet. Die Ausstellung zeigt von ihr vielschichtig lesbare Werke, in denen die sechsfache Mutter wohl auch sich selbst als Venus, Amazone, Seherin und Künderin preist. (Bis zum 30. Juni; Preise 1200 bis 22.000 Euro.)

          Von unsichtbaren, durchaus langfristigen und weitreichenden Gefahren zeugen die jüngsten Bilder von Yelena Popova in ihrer vierten Einzelausstellung bei Philipp von Rosen. Allerdings sieht sich die 1978 im Ural geborene, in London lebende Malerin nicht von rätselhaften Mächten angesprochen, vielmehr sucht sie selbst gezielt mit Risiken behaftete Orte auf wie die stillgelegten Atomkraftwerke an der britischen Küste. Konkret informierte sich Popova über den Umgang mit sieben sogenannten Magnox-Reaktoren der ersten Generation, die nach ihren Angaben noch über Generationen hinweg als Deponien fungieren müssen. Mit diesem Thema kommt sie auf ihre Biographie zurück, denn in ihrer Heimatstadt Ozjorsk südlich von Jekaterinburg hatte sich zu Zeiten der Sowjetunion im Jahr 1957 ein außergewöhnlich schwerer Nuklearunfall ereignet, den die Behörden jahrzehntelang verschweigen konnten.

          Den Gemälden eingangs der Galerie sieht man diesen Kontext ganz und gar nicht an. Doch versteht sich die Künstlerin darauf, eine ornamental-verspielte, dekorative Handschrift, die heute eigentlich als ausgereizt anmutet, mit neuralgischem Inhalt anzureichern. Zugleich spielt sie, auch darin routiniert, auf einen frühmodernistischen Kanon der russischen Malerei an, der sich mit Namen wie Alexandra Exter und Natalia Gontscharowa verbindet. Ton, Stein und Erde sammelte die Forscherin auf eigene Faust im Umkreis dieser Reaktoren, zerrieb das – kontaminierte? – Material aus der Nachbarschaft der Atomindustrie und mischte es der Temperafarbe unter. Blassgelbe und graue Rauchschwaden winden sich auf den kleinen und mittleren Formaten, die sich in der Ausstellung zu sehr sanften „Landscapes of Power“ verbinden. Schaut man lange genug in diese Arabesken, fangen sie an zu pulsieren, manche atmen eher schwer, bisweilen kann man an Schatten auf der Lunge denken. Im Souterrain flankieren Wandteppiche ein Skulpturen-Ensemble aus „Gelehrtensteinen“: Es handelt sich um Fundstücke aus geologischen Regionen Großbritanniens, die nun zur Mediation aufrufen über menschliche Macht und Ohnmacht im Umgang mit dem Atom. Wobei die kontrastreichen Tapisserien für die stillgelegten Reaktoren entworfen sind, mithin als Ausstattung für Mausoleen. (Bis zum 20. Juni; Preise 2800 bis 20.000 Euro.)

          Gewichtiges Gestein ist in der Böhm Chapel vor den Toren Kölns in Hürth-Kalscheuren aufgesockelt. Michael Heizer, Pionier der amerikanischen, vor allem kalifornischen Land Art seit den späten Sechzigern, hat die Betonobjekte in den Jahren 1988/89 geschaffen, in den sechs Konchen der Kapelle des Kölner Baumeisters machen sich die „Object Sculptures“ bestens, wie eigentlich alles, was in dem ehemals sakralen Zentralbau an moderner Kunst ausgestellt wird. Auf den ersten Blick erscheinen diese Artefakte einigermaßen fremd. Man rätselt, welche Bedeutung sich hinter ihnen verbergen könnte: Heizer hat prähistorische Werkzeuge als Betonguss ins Riesenhafte vergrößert und präsentiert die Objekte auf Stahlgestellen, die ihrerseits skulpturale Form annehmen. Mit den Instrumenten, die als Vorbilder dienten, wurde in Urzeiten zum Beispiel Leder durchlöchert, oder sie dienten als Talisman, der mit einem Band um den Hals getragen wurde. Heizer aktiviert ihre ästhetische Wirkung; „Aerodynamische Linien“ nimmt der Künstler in ihnen wahr, die zu erkennen er als „wertvolle Aufgabe“ betrachtet. (Bis zum 20. September; Preise für die Unikate je 500.000 Euro.)

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