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Impressionismus und Moderne : Im Ganzen eher gediegen

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Farbexplosion vor schwarzem Grund: Das Programm der Auktionen mit Impressionismus und Moderne bei Sotheby’s und Christie’s in London - eine Vorschau.

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          Mit dem Rekord für das teuerste jemals versteigerte Kunstwerk, nämlich 107 Millionen Dollar für Munchs „Schrei“, und mit dem höchsten jemals bei einer Auktion erzielten Umsatz von 330 Millionen Dollar ließ Sotheby’s in New York den Erzrivalen Christie’s hinter sich. In London gehen beide Häuser in der kommenden Woche, was die Spitzenlose angeht, fast Kopf an Kopf ins Rennen: Sotheby’s offeriert Mirós strahlend blaue „Peinture (Étoile bleue)“ mit einer Taxe von fünfzehn bis zwanzig Millionen Pfund; sie ist mit einem garantierten Gebot versehen.

          Das Bild wurde erst 2007 in Paris für knapp 11,6 Millionen Euro (inklusive Aufgeld) versteigert - damals ein Rekord für Miró, mittlerweile bereits zweimal überschritten. Christie’s setzt auf Renoirs etwas biedere nackte „Baigneuse“ für zwölf bis achtzehn Millionen Pfund, die schon einen Rekord für einen Renoir-Akt erzielte, als sie 1997 für 20,9 Millionen Dollar in New York unter den Hammer kam. Für London hat Christie’s den dickeren Katalog: 71 Lose erwarten einen Gesamterlös von 86,5 bis 126,7 Millionen Pfund. Sotheby’s bietet 48 Lose, die insgesamt 72,9 bis 102,6 Millionen Pfund einspielen sollen.

          Bei Sotheby’s am 19. Juni sind spärlich bekleidete Damen prominent vertreten: Bonnard malte seine Frau Marthe oft im häuslichen Kontext, hier trocknet sie sich gerade nach dem Bad ab: „Nu debout“ (Taxe 4,5/5,5 Millionen Pfund) aus dem Jahr 1931 wurde von den Erben John D. Rockefeller III. aus New York eingereicht. Der derzeitige Rekord für Paul Delvaux wurde von Sotheby’s im Mai 2011 mit 9,04 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) für „Les Cariatides“ von 1946 aufgestellt. Nun sollen zwei ähnliche vollbusige Frauen aus derselben Serie, „Deux femmes couchée“ von 1945 und seit 1946 nicht mehr öffentlich ausgestellt, zwei bis drei Millionen Pfund bringen. Delvaux’ idealisierte surrealistische Vision kontrastiert mit Otto Dix’ veristischem „Sitzenden Akt mit blondem Haar“ (4/6 Millionen) von 1931 in Öl auf Holz, der aus einer Privatsammlung kommt, doch eher in ein Museum gehört.

          Natürlich fehlt Picasso nicht: Sein „Homme assis“, ein Musketier-Spätwerk von 1972, verlangt stolze sechs bis neun Millionen Pfund. Noldes „Der Waldweg“ (700.000/1 Million) wurde von der Familie der Hamburger Sammler Paul und Martha Rauert eingereicht, die das Bild 1910 direkt von Nolde kauften. Die Erben des Chagall-Sammlers und Freunds Markus Diener haben das späte „L’Arbre de Jessé“ (3/5 Millionen) eingeliefert, eine Farbexplosion vor schwarzem Hintergrund. Attraktiv ist auch Jawlenskys „Stillleben mit Blumen und Orangen“ (800.000/ 1,2 Millionen), 2010 in der Stuttgarter Staatsgalerie als einer der „Schätze der Sammlung Max Fischer“ ausgestellt. Mit Leonora Carringtons surrealistischen „Personajes de Teatro“ (250.000/350.000) von 1941 ist auch eine Künstlerin dabei.

          Die Abendauktion bei Christie’s am 20. Juni bietet, neben dem Renoir-Spitzenlos, auch einige weniger auktionstypische Arbeiten. Die University of New England in Maine hat, als eines von fünf Werken der südafrikanischen Malerien Irma Stern, die doppelseitige Leinwand „The Flower Market, Cape Town (recto)/Cape Coastal Landscape with Cape Malays (verso)“ eingereicht (800.000/1,2 Millionen). Die 1894 geborene Stern studierte in Weimar und Berlin, auch bei Max Pechstein; 1918 wurde sie Gründungsmitglied der Novembergruppe. Sie kehrte 1920 nach Südafrika zurück, wo sie bis zu ihrem Tod 1966 in Kapstadt lebte.

          In den letzten zwei Jahren wurden Rekordpreise für Stern bezahlt, im März 2011 wurde ihr „Arab Priest“ für 3,04 Millionen Pfund (inklusive Aufgeld) bei Bonhams in London zum teuersten südafrikanischen Kunstwerk. Schwitters’ „Merzbild 9A Bild mit Damestein (L Merzbild L5)“ (500.000/700.000) ist eine der ersten „Merz“-Arbeiten von 1919. Kirchners Holzplastik „Kniende, nach links gewandter Kopf, rechte Hand auf linker Brust“ entstand im selben Jahr 1912 wie Heckels „Geigerin“ in Grün und Rot; beide sind auf je 900.000 bis 1,2 Millionen Pfund geschätzt. Die „Geigerin“ wurde zuletzt 1998 für 573.500 Pfund (inklusive Aufgeld) versteigert.

          Das Spitzenlos von Picasso gibt die 162 Zentimeter hohe „Femme au chien“ von 1962 (6/9 Millionen) ab, die wohl seine zweite Frau Jacqueline Roque und ihren afghanischen Hund Kaboul konterfeit. Das Bild befand sich seit 1974 in derselben Familiensammlung und kommt mit einem garantierten Gebot abgesichert zum Aufruf. Spektakulär ist der frühe Picasso-Kupferstich „Le repas frugal“ (1,5/2,5 Millionen) aus dem Jahr 1904, einer der ersten Stiche des damals Dreiundzwanzigjährigen und eine der bekanntesten Arbeiten seiner „Blauen Periode“; das Blatt wurde zuletzt 1992 bei Kornfeld in Bern für 660.000 Franken versteigert.

          Eine starke Surrealismus-Gruppe mit sieben Magrittes und Arbeiten von Delvaux und Miró rundet die Auktion ab: Bedrohlich-düster wirkt Magrittes Szene „Les jours gigantesques“ (800.000/1,5 Millionen) von 1928, deren Sujet nach seinen eigenen Worten eine Vergewaltigung ist. Eine Neuentdeckung feiert Christie’s mit Gauguins „Paysage aux troncs bleus“ (3/5 Millionen) aus einer norwegischen Sammlung, gemalt während des Künstlers erster Tahiti-Reise 1892 und zuletzt 1955 ausgestellt.

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