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Im Zeichen der Kröte : Du sollst nicht Becher spielen!

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Gab es Kleriker, die zauberten und mit Tricks Äpfel oder Kartoffeln belebten? Das legt ein venezianischer Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert nah. Ganz systematisch will man dem Geheimnis in Mainz auf die Spur kommen.

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          Die von schwarzen und roten Lettern umrandete Szene lässt keinen Zweifel: Da steht ein Gaukler hinter einem Tisch und verblüfft sein Publikum. Was er zeigt, ist das Becherspiel; kleine Bälle, ein Äpfelchen oder eine Kartoffel wandern zwischen zwei oder drei Bechern hin und her. Scheinbar magisch durchdringen sie deren Wände und Böden. Sie erscheinen, verschwinden oder wechseln ihre Plätze. Immer tun sie das, was der Zuschauer gerade nicht erwartet. Nur dem Magier und seinem Zauberstab gehorchen sie.

          Im englischen Sprachraum nennt man das Kunststück „The Oldest Deception“. Tatsächlich gibt es Grund zu der Annahme, dass es bereits im Altertum bekannt war. Es gilt als das Sinnbild der Unterhaltungsmagie. Und in der Tat - auf einzigartige Weise kombiniert es beinah alle verblüffenden Effekte der Zauberkunst: das Erscheinen, das Verschwinden, das Überwinden der Barrieren fester Materie sowie zuweilen gar den gleichsam alchemistischen Vorgang der Verwandlung, wenn zum Beispiel der Apfel oder die Kartoffel zu einem kleinen Lebewesen werden.

          Zuerst die Kröte, dann das Kaninchen

          Man mag reichlich über den Symbolgehalt der Kröte im Bild philosophieren, eines kann man getrost sagen: Im Kontext des mittelalterlichen Gaukelspiels hat die glotzende Amphibie jene Rolle, die seit Anbruch des bürgerlichen Zeitalters dann das niedliche Kaninchen aus dem Hut einnimmt. Gelehrte Kunsthistoriker mag diese profane Erkenntnis erschrecken. Aber zuweilen tun es eben auch einfache Erklärungen.

          Mitunter skurrile Darstellungen des Becherspiels gibt es zuhauf. Erst unlängst sind im Nachlass eines schnurrigen britischen Sammlers rund zweitausend Beispiele dafür aufgetaucht. Dreißig Jahre seines Lebens hat er ihrer Erforschung gewidmet. Dann traf ihn plötzlich der Schlag. Derzeit werden seine Schätze von einer Kunsthistorikerin an der Universität Mainz gesichtet, identifiziert und für eine postume Veröffentlichung vorbereitet.

          Ein Zauberkünstler mit Tonsur

          Unterstützung findet das kuriose Vorhaben durch eine Stiftung zur Erforschung der Illusionskunst, die nach dem niederländischen Maler Hieronymus Bosch benannt ist. Dessen Gemälde „Der Gaukler“ gilt als die wohl bekannteste Darstellung des Becherspiels in der Kunstgeschichte. Übrigens hat auch Bosch nicht vergessen, auf seinem Bild - ganz nah an der Wirklichkeit - eine Kröte zu verewigen.

          Die Wissenschaft hat sich begierig auf sie gestürzt. Die Deutungen sind Legion. Der Gaukler mit dem unverkennbaren Habit und der Tonsur des Klerikers ist freilich ein ganz besonderer Geselle. So wie es aussieht, ziert er die älteste bislang bekannte Darstellung eines Zauberkünstlers in einem gedruckten Buch überhaupt. Die Seite entstammt einer seltenen und aus dem Jahr 1514 datierenden Auflage des „Liber Sextus“ und wurde in Venedig gedruckt.

          Kleriker und der Spielttrieb

          Der „Liber Sextus“ geht auf Papst Bonifatius VIII. (1294 bis 1303) zurück. Er ist eine Sammlung kanonischer Dekrete der Pontifikate seit der Zeit Gregors IX. (1227 bis 1241) und damit Teil des „Corpus Iuris Canonici“. Dessen Titel „De vita et honestate clericorum“ (Über die Lebensführung und das Wohlverhalten der Geistlichen) enthielt Bestimmungen, denen gemäß es Priestern verboten war, als Spielleute oder sogenannte Goliarden aufzutreten.

          Als Letztere bezeichnete man im Mittelalter vagabundierende Kleriker, die sich ihr armseliges Überleben durch allerhand Taschenspielereien zu sichern suchten. Das eitle und müßige Geschwätz, die blasphemischen Reden und der Verlust an Zeit für gute Werke, den solche Scholaren in Kauf nahmen, um stattdessen Gott nicht wohlgefälliges Spiel zu betreiben, galt den strengen Kanonisten als mit der Würde eines Geistlichen unvereinbar.

          Mit Hilfe einer Suchmaschine

          Kein Wunder also, dass Bonifatius VIII. kurzerhand verfügte: Wer auf Abmahnung hin solch schnöden Hokuspokus nicht unterlässt, der verliert alle kirchlichen Privilegien. Erst 1917 trat die Regel außer Kraft. Heute ist es anderer Frevel, der Kirchenobere - und nicht nur sie - das Fürchten lehrt. Wie unschuldig mutet da das Mönchlein aus dem Mittelalter an.

          Das bislang nahezu unbekannte Blatt ist in diesen Tagen in einem buchstäblich verschneiten Antiquariat an der amerikanischen Ostküste aufgetaucht. Eine moderne Suchmaschine hat es aufgespürt. Jetzt reist es nach Mainz, um dort näher untersucht zu werden. Man könnte das fröhliche Wissenschaft nennen.

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