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Im Schaufenster : Wie Kunst trotz allem wieder sichtbar wird

Die Kunst-Projektion "Kunst im Traum" war im HilbertRaum zu sehen. Bild: Niina Lehtonen Braun

Wegen Corona räumen einige Galerien ihre Ausstellungen einfach ins Schaufenster. Ein Rundgang durch Berlin.

          2 Min.

          Der grimmige Flaneur ist der letzte Überlebende des öffentlichen Lebens: Wenn die Museen, Theater, Bars, Konzert- und Kaufhäuser wegen Corona dichtmachen müssen, bleibt einem kaum etwas anderes übrig, als mit einem Kaffee in der Hand durch die Straßen zu wandern und sich Schaufenster anzuschauen. In einer Stadt wie Berlin, die nicht eben durch durchgängige Schönheit besticht und ihr Selbstbewusstsein normalerweise aus dem überbordenden Großrummel der lokalen Kultur- und Ausgehszene bezieht, ist die Stille noch drückender.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Vielen jungen Galerien wie etwa Sweetwater am Kottbusser Damm, die in den oberen Stockwerken eines Altbaus residieren, bleibt nur die Möglichkeit, eine weiße Fahne aus dem Fenster zu hängen, um auf sich aufmerksam zu machen. Besser haben es im Lockdown die Ausstellungsräume, Auktionshäuser und Galerien, die ebenerdige Schaufenster bespielen können. HilbertRaum in Berlin-Neukölln, einer der interessanten neueren Kunstorte der Stadt, reagierte im November mit einer Gruppenschau in Form einer Schaufensterprojektion; der Ton kam über Boxen nach draußen, in die man seine eigenen Kopfhörer anstöpseln konnte. Am Berliner Nollendorfplatz überließ das großzügig verglaste Café Berio, das wie alle schließen musste, seine Räume diversen Malern von unterschiedlicher Qualität, die vor Publikum arbeiten und ihre Werke zeigen können, und auch das berühmte Kaufhaus des Westens ließ den Kurator Philipp Bollmann Kunst in die leeren Schaufenster räumen; so faltet sich die Kunst auf dem Umweg der geschlossenen Orte des Konsums doch noch irgendwie in die Sichtbarkeit des öffentlichen Raums hinein, wenn auch hinter Glas.

          Die Kunst-Projektion „Kunst im Traum“ war im HilbertRaum zu sehen. Artwork von Maurice Doherty. Bilderstrecke
          Im Schaufenster : Wie Kunst trotz allem wieder sichtbar wird

          Der ideale Ort, um trotz Schließung Kunst anzuschauen, war das „Schau Fenster“ in der Kreuzberger Lobeckstraße – ein schmaler Raum mit einer 25 Meter langen Wand hinter einem 25 Meter langen Schaufenster, in dem einst Armaturen für Badezimmer ausgestellt wurden und das seit zehn Jahren mit Wechselausstellungen bespielt wird. Aber auch in den ebenerdigen Räumen von Auktionshäusern und Galerien wird die Kunst entschlossen und oft verblüffend effektiv ins Fenster gekrempelt: Bei Wentrup sind silbern schimmernde Arbeiten von Olaf Metzel zu sehen sowie ein schwarzweißes Wandrelief mit dem Wort „kaputt“ (Preise von 24.000 bis 75.000 Euro). Wenn man mit dem Mobiltelefon den QR-Code auf der Scheibe scannt, erzählt einem der Künstler selbst, was die Arbeiten mit Corona zu tun haben.

          Grisebach hat neue Aquarelle von Leanne Shapton im Schaufenster (von 800 Euro an), Contemporary Fine Arts Arbeiten von Sarah Lucas – moderne Stühle sind dort auf bunten Podesten zu sehen, darauf Platz genommen haben schlauchartige, entfernt an Hans Bellmer erinnernde Körperteile (je 390.000 Euro). Mehdi Chouakri zeigt noch bis Ende Januar in seiner Filiale in der Mommsenstraße Papierarbeiten von Carl André und dem 1968 im Alter von nur 24 Jahren verstorbenen Peter Roehr, dessen Bedeutung für die Kunst der sechziger Jahre inzwischen endlich erkannt wird. Beide arbeiteten mit der Schreibmaschine und schufen fast zeitgleich Werke zwischen konkreter Poesie, Minimal und Op Art: Roehr etwa tippte immer wieder das Wort „musk“ (für Moschus) auf ein Blatt, bis ein Typo-Muster entstand, das an die geometrischen Rasterfassaden der Moderne erinnert; gleichzeitig beginnen die immergleichen Buchstaben vor den Augen zu flirren, und man tritt benebelt wie von dem herben Duft, den die Buchstaben bezeichnen, vor dem Blatt zurück. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Tesla-Chef Elon Musk, der bei Berlin seine neue Autofabrik baut, sich diese Arbeit unter den Nagel reißt (8000 Euro).

          Einige Galerien bringen vor dem Fenster stehenden Interessenten Informationen an die Scheibe, einige bieten Öffnungen nach Vereinbarung an. So geht das Geschäft weiter, teilweise wie in einem Speakeasy zu Zeiten der Prohibition, und wie damals sehen die Dinge, die jetzt weggesperrt werden müssen, um so attraktiver aus. Immerhin das ist eine gute Nachricht für die Kunstwelt – und für das, was nach dem Lockdown hoffentlich passieren wird.

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