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Im Gespräch: Andrej Sarabjanow : Der Pinselstrich des Kopisten

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Der russische Kunsthistoriker kämpft seit Jahren gegen eine mächtige Lobby, die Fälschungen der Avantgarde auf den Kunstmarkt bringt. 

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          Gemeinsam mit Experten der Moskauer Tretjakow-Galerie und des Sankt Petersburger Russischen Museums protestierte Andrej Sarabjanow schon vor zwei Jahren gegen eine Doppelpublikation zum Œuvre von Natalja Gontscharowa des britischen Kunsthistorikers Anthony Parton und der auf französische Künstler spezialisierten Wissenschaftlerin Denise Bazetoux. Von sechshundert Nummern im Werkkatalog von Bazetoux befanden Fachleute 350 für falsch, in Partons Buch immerhin mehrere Dutzend. Die Publikationen suggerierten damals, dass ganz plötzlich Hunderte bisher unbekannter Bilder aus Gontscharowas eigentlich gut erforschter russischer Periode aus westlichen Privatsammlungen aufgetaucht seien.

          Andrej Sarabjanow, warum, glauben Sie, ist Natalja Gontscharowa ein Liebling der Fälscher geworden?

          Sie hat dieses „Glück“ gehabt, weil sie durch ihre Emigration zu zwei Kulturen gehörte, der russischen und der französischen, wobei ihre russische Periode gut, die französische aber noch ungenügend erforscht ist. Doch auch die Franzosen betrachten sie als die „Ihrige“. Partons Buch und der französische Werkkatalog von Bazetoux sind bestellt worden, um unbeschlagene Kunstkäufer, für die eine Abbildung in einem dicken Werkkatalog, den ein Wissenschaftler verfasst hat, einem Echtheitszertifikat gleichkommt, zu täuschen. Es geht um viel Geld. Der Auftrag kam offensichtlich aus einer internationalen Organisation, an der sowohl Franzosen als auch Russen beteiligt sind. Ich kenne den Katalog gut. Die Fälschungen lassen auf mehrere Kopisten schließen; man kann ihre Handschriften unterscheiden. Auch im Gontscharowa-Buch von Anthony Parton habe ich siebzig falsche Bilder gezählt.

          Wie fälscht man ein Bild von Natalja Gontscharowa?

          Bekannte Bilder werden in anderer Technik wiederholt, abgewandelt und dann als Skizzen oder Variationen ausgegeben. Beispielsweise ihr „Fahrradfahrer“ von 1912. Im Katalog finden sich gleich fünf Versionen, die in verschiedene Richtungen fahren. Gontscharowa hat ihre Bildeinfälle aber nicht wiederholt. Außerdem ist der Pinselstrich des Fälschers ungemein grob. Die einzige Provenienzangabe lautet übrigens sowohl bei Parton als auch bei Bazetoux: Privatsammlung. Wer das Bild wann und wo gekauft hat, bleibt offen.

          Was wissen Sie über die „International Chamber of Russian Modernism“ (InCoRM), deren Fachleute Werke für echt befanden, die dann bei Auktionshäusern eingeliefert wurden?

          Ich weiß nichts Genaues über diese Organisation, mir sind aber gewisse Personen bekannt, die ihr angehören, beispielsweise Patricia Railing oder Swetlana Dschafarowa, die, genau wissend, was sie damit taten, die Publikationen von Parton und Bazetoux damals verteidigt haben.

          Als die zwei Gontscharowa-Bücher herauskamen, kündigte das russische Kulturministerium juristische Schritte gegen den Verlag des Werkkatalogs an. Bisher ist allerdings nichts passiert. Hat sich die Lage auf dem internationalen Markt für russische Avantgardekunst mittlerweile geändert?

          Nein. Die Situation ist weiterhin äußerst ernst. Ich komme mit vielen Werken in Berührung. Doch leider sind dabei die Originale in der Minderzahl. Auch deswegen verfasse ich derzeit zusammen mit dem in Frankreich lebenden Forscher Wassili Nikitin eine „Enzyklopädie der russischen Avantgarde“. Die ersten zwei Bände werden im kommenden September in Moskau erscheinen. Hoffentlich kann ich damit auch etwas zur Bereinigung des Marktes beitragen.

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