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Ileana Sonnabend im MoMA : Sie nahm das Neue unter ihre Fittiche

Die Erben der New Yorker Galeristin Ileana Sonnabend haben dem Museum of Modern Art ein unverkäufliches Bild geschenkt. Das Museum bedankt sich mit einer Ausstellung.

          3 Min.

          Im Jahre 1999 interviewte Calvin Tompkins, ein Reporter vom „New Yorker“, die Kunsthändlerin Ileana Sonnabend, die damals 85 Jahre alt war. Tompkins versuchte ihr Andeutungen darüber zu entlocken, wie sie sich die Zukunft ihrer sagenumwobenen privaten Kunstsammlung vorstellte. Was sollte etwa mit „Canyon“ passieren, einem Bild aus der Serie der „combine paintings“, der mit gefundenen Objekten geschmückten Leinwände von Robert Rauschenberg? Frau Sonnabend lachte. „Nun, wenn sie eine Pyramide für mich bauen sollten, wenn ich sterbe, hätte ich das Bild gerne bei mir.“ Ileana Sonnabend, die ein großmütterliches Aussehen kultivierte und stets im Sackkleid auftrat, war bekannt für ihre Diskretion und ihren schwarzen Humor. Der Witz, in dem sie sich ein pharaonisches Begräbnis ausmalte, hat mehrere Ebenen beziehungsweise Kammern.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wer Kunst macht oder sammelt, wird insgeheim oft von dem Willen angetrieben, sich ein Denkmal zu setzen. Eigentlich ein kurioser Zug, ein Missverständnis - denn die Produktion von Kunst ist eine Form von Entäußerung, und erst recht wird man das Kaufen von Kunst, zumal das massenhafte Aufkaufen, unter Verausgabung verbuchen. Der Interviewer wollte Frau Sonnabend soufflieren, dass auch sie sich mit ihrem Nachleben beschäftige. Also spielte sie mit und zeigte, dass sie es im aktionskünstlerischen Genre des megalomanen Denkmuskelspiels mit allen Herren der Kreativität aufnehmen konnte. Im kulturellen Gedächtnis stehen die Monumente der Pharaonen dafür, dass Stifter etwas Überpersönliches hervorbringen können, unter dem ihr Egoismus gleichsam begraben wird. Das Eingangsgebäude des berühmtesten Museums der Welt hat die Form einer Pyramide.

          Der Witz des emblematischen Entwurfs für das Ileana-Sonnabend-Mausoleum mit Grabbeigabe liegt freilich im Detail. In der Selbstkarikatur bewährte sich ihr Auge. Das Spektakuläre an „Canyon“, dem Bild, dessen Titel das Erhabene in der großen Tradition der amerikanischen Landschaftsmalerei beschwört, ist ein ausgestopfter Adler, der vor der Leinwand schwebt. In der Schatzkammer im Innersten der Pyramide hätte also der König der Vögel neben der Königin der Kunstwelt gewacht. Prosaisch gesprochen, im Geist der biopolitischen Rituale, die Vito Acconci in den frühen siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in Ileana Sonnabends Galerie am West Broadway zelebrierte: Ein Kadaver hätte neben dem anderen gelegen. Das gesamte Arrangement wäre ein einziges „combine painting“ gewesen, die Galeristin zum Teil des Bildes geworden, das ihr so teuer war.

          Und wenn in ferner Zukunft, nach der Abwanderung aller Galerien nach Schanghai und Qatar, die Pyramide ausgegraben worden wäre, dann hätte es Grabräuber maßlos enttäuscht, nichts vorzufinden außer einem mumifizierten Vogel. Von vorn hätte die Geschichte beginnen können, die angefangen hatte, als eine Künstlerkollegin Rauschenbergs den Adler aus einem Mülleimer in der Nähe der Carnegie Hall fischte. Es war Ileana Sonnabend bewusst, wie viel in ihrem Metier auf das Glück ankommt, auf das Zugreifen im richtigen Moment. Dass sie Galeristin wurde, mag sich 1957 entschieden haben, als sie mit ihrem ersten Mann Leo Castelli einen Besuch bei Rauschenberg machte und Jasper Johns kennenlernte, der im Stockwerk unter Rauschenberg sein Atelier hatte.

          Unabhängig von allen kunstpolitischen Bezügen gab es einen pragmatischen Grund für die Idee, dass ihr nach ihrem Tod von allen Erwerbungen nur Rauschenbergs Adlerbild verbleiben könnte. Dem Reporter hat die Geschäftsfrau diesen Umstand offenbar verschwiegen. Sie wusste, dass ihre Tochter und ihr Adoptivsohn „Canyon“ nicht würden verkaufen können. Der Weißkopfadler, das Wappentier der Vereinigten Staaten, ist vom Aussterben bedroht.

          Auch mit toten Exemplaren darf kein Handel getrieben werden. Nachdem Ileana Sonnabend am 21. Oktober 2007 gestorben war, setzten ihre Erben den Wert des Bildes mit null Dollar an. Die Finanzbehörde widersprach und verlangte für „Canyon“ Erbschaftsteuer entsprechend einem Wert von 65 Millionen Dollar - obwohl das Werk beim Versuch, diesen Preis zu realisieren, sofort beschlagnahmt worden wäre. Der Staat verzichtete auf die Steuerforderung, als die Erben zusagten, das Bild einem Museum zu stiften. Den Zuschlag erhielt das Museum of Modern Art, das versprach, eine Ausstellung über Ileana Sonnabends Wirken zu veranstalten.

          Ein Jahr nach der Einigung über die Schenkung ist diese Schau jetzt hergerichtet worden. Johns, Warhol, Lichtenstein, Wesselmann, Pistoletto, Merz, Manzoni, Boltanski, Penck und Koons: es fehlt nicht an markanten Werken repräsentativer Künstler. Die Galerie machte zunächst in Paris die Pop-Art und den Minimalismus bekannt und später umgekehrt in New York die puristischen Exzesse der Arte povera und der dokumentarischen Fotografie in der romantischen Version von Gilbert & George und der antiromantischen Version von Bernd und Hilla Becher.

          Leider kommt man sich vor wie im Schauraum eines Auktionshauses, nur dass die Preise fehlen. Die Ausstellung löst die Werke aus dem Zusammenhang der Galeriepolitik und stellt keine neuen Zusammenhänge her. Offensichtlich soll bewiesen werden, dass Frau Sonnabends Auswahl in der Kontextlosigkeit einer Museumspräsentation Bestand hat. Das MoMA feiert sie als „Botschafterin des Neuen“, ohne ihre Verdienste um Institutionen wie die Sammlung Ludwig zu würdigen. Außer einigen Fotografien gibt es keine dokumentarischen Quellen. Keiner ihrer Kataloge wird gezeigt.

          Gegenüber dieser Zeitung sagte Ileana Sonnabend einmal, eine Sammlung solle ein Porträt ihres Eigentümers sein. Ein solches Bild zeichnet sich hier nicht ab, weil keineswegs alle Werke einmal zu ihrer Privatsammlung gehört haben. Das aus Lieblingsstücken zusammengesetzte Selbstporträt muss der heraldische Grabwächter ersetzen, der Adler auf ewigem Raubzug.

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