https://www.faz.net/-gqz-8mdu0

Wiener Auktionen : Hölle, Blumen, Sonne

  • -Aktualisiert am

Vom 18. bis 20. Oktober werden in Wien Alte Meister und Kunst des 19. Jahrhunderts im Kinsky und im Dorotheum auktioniert. Eine Vorschau

          3 Min.

          Private Sammlungen bereichern die Herbst-Offerten der Wiener Auktionshäuser. Aus dem steirischen Schloss Pfannberg stammt der Nachlass der Familie Carl Anton und Marie Goess-Saurau, dessen Gemälde, Radierungen, Porzellanfiguren und rare Horn-Schnitzereien am 19. Oktober im Kinsky zum Aufruf kommen. Außerdem hat ein Schwung altmeisterlicher Landschaften und Stillleben aus einer deutschen Privatsammlung den Weg dorthin gefunden. Auch das Dorotheum führt in seiner, 290 Werke starken Parade Alter Meister am 18. Oktober ein knappes Dutzend Lose aus einer bayrischen Kollektion – ein erfreulicher Trend für die österreichischen Häuser.

          Im 500. Todesjahr von Hieronymus Bosch kann das Dorotheum das „Die Hölle“-Gemälde eines Nachfolgers präsentieren. Auf 200 000 bis 300 000 Euro geschätzt, hält es sich an das Vorbild aus dem Madrider Prado, der unbekannte Künstler bringt jedoch weitere, plastisch modellierte teuflische Figuren und Elemente ein. Der Vergleich mit zwei anderen Kompositionen – nahezu gleich groß wie das 124 mal 97 Zentimeter messende Tableau – legt die Entstehungszeit um 1650 nahe. Auf ein dunkles Schlachtfeld führt auch das Spitzenlos im Dorotheum, die wiederentdeckte „Schlacht zwischen Philistern und Israeliten“ aus dem Spätwerk Tintorettos. Das 146 mal 230 Zentimeter große Ölbild liefert statt eines zentralen Geschehens viel Dynamik in der Perspektive. Die Blicke zieht David im Vordergrund auf sich, der Goliath mit dem Speer tötet. Die Röntgenuntersuchung hat die kühnen Pinselstriche sichtbar gemacht, mit denen der Meister die Szenerie skizzierte. Das auf 300 000 bis 400 000 Euro geschätzte Gemälde könnte als Teil des Gonzaga-Zyklus entstanden sein, der heute der Alten Pinakothek in München gehört. Ein farbenprächtiges Großformat stellt die zwei Meter breite „Heilige Familie mit Maria Magdalena“ dar, die der Renaissancekünstlers Girolamo da Santacroce in gebirgiger Landschaft ansiedelt (Taxe 150 000/200 000 Euro). Noch weiter zurück in die Kunsthistorie führt der aparte „Merkur“, über dessen Schöpfer sich schon mehrere Experten den Kopf zerbrochen haben. Als Tafelbild der „norditalienischen Schule des 15. Jahrhunderts“ geht der rot geharnischte Götterbote jetzt mit 150 000 bis 180 000 Euro an den Start.

          Ein fliegender Händler auf einer Holzbank

          Bei den Porträts trumpft das Dorotheum mit einem Kinderbildnis des James Francis Edward Stuart auf, der im französischen Exil standesgemäß in Pose gebracht wurde von Nicolas de Largillièrre. Der vierjährige Prinz steht in einer reich bestickten, roten Robe Modell. Die Darstellung mit blauem Hosenbandorden diente nicht zuletzt Propagandazwecken für die Wiedererlangung des englisch-schottischen Throns, wie auch ein massenhaft reproduzierter Stich nach dem jetzt wiederentdeckten Bild (120 000/150 000). Aus der Hofwerkstatt von Velázquez gelangt ein unpubliziertes Porträt Philipps IV. in Braun und Silber zum Aufruf, dessen Vorlage in der Londoner National Gallery hängt – interessantes Detail: Der König hält einen Brief mit der schlichten Anrede „Señor“, die er selbst 1623 per Dekret verfügt hat (150 000/200 000). Die Nummer Eins bei der beachtlichen Anzahl qualitätsvoller Stillleben ist die delikate Darstellung eines Traubenkorbs samt chinesischer Porzellankumme und Tulpen von Isaac Soreau, die lange der deutschen Industriellenfamilie Hartwig gehörte (200 000/300 000). Von der Brueghel-Familie, die im Dorotheum stets stark vertreten ist, stammt der Tondo „Ein Bauer und ein Hausierer auf einer Bank“. Pieter Brueghel d. J. schuf auf der Holzscheibe mit achtzehn Zentimeter Durchmesser die humorvolle Szene, in der ein fliegender Händler von der Hausbank gedrängt wird (180 000/220 000). Von Jan Brueghel d. Ä. kommt eine in Italien in Öl auf Kupfer gemalte Hafenszene, deren feine Details faszinieren (250 000/300 000).

          Den Katalog der Auktion im Kinsky schmückt ein Familienporträt von Martin Johann Schmidt, eines Vertreters des österreichischen Spätbarocks. Das aus Schloss Pfannberg stammende Gemälde von 1790 zeigt den als „Kremser Schmidt“ bekannt gewordenen Maler und gibt Hinweise auf Stationen seines Lebens: Im Kreise seiner Liebsten sitzt er vor dem Motiv „Venus und Vulkan“, mit dem er in der Akademie Aufnahme fand. Die beiden Söhne in Hintergrund folgen dem Vater in der Kunst nach, ein weiteres Bild im Bild erinnert an die vier, noch klein verstorbenen Kinder Schmidts (Rufpreis 250 000). Aus der erwähnten deutschen Privatprovenienz gelangt ein „Blumenbouquet mit Schmetterlingen“ zum Aufruf, dessen Vielfalt der niederländische Maler Otto Marseus van Schrieck vor einer dunklen Nische zur Geltung bringt (35 000/70 000). Um eine Rose besonders zum Leuchten zu bringen, verwendete er Goldpigmente.

          Bei den Werken des 19. Jahrhunderts eröffnet Theodor von Hörmann den Blick auf das sommerliche Paris. Sein „Sonniger Nachmittag am Quai du Louvre“ wurde in der Folge der Retrospektive wiederentdeckt, die das Leopold Museum dem vom Impressionismus beeindruckten Plein-Air-Maler widmete. Das 90 mal 125 Zentimeter große Bild besticht durch seine Kombination aus detailgetreuer Staffage und freihändigen Lichteffekten (300 000/400 000). Hörmanns Zeitgenossin Olga Wisinger-Florian legt mit ihren „Gloxinien im Glashaus“ 1905 eine Komposition vor, die gleichsam ein Blumenfeld ins Innere verlegt und die Architektur als Rahmen verwendet. Das Ölbild, das 1993 in der Thurn & Taxis-Auktion versteigert wurde, soll nun 150 000 bis 300 000 Euro bringen.

          Weitere Themen

          Ist doch nur ein Traum

          „La traviata“ in Berlin : Ist doch nur ein Traum

          Versuch einer Frauenphantasie: An der Komischen Oper Berlin inszeniert Nicola Raab Giuseppe Verdis „La traviata“ als Flucht aus der Cybersex-Welt ins Paris von vorgestern.

          Topmeldungen

          Weltklimakonferenz : Das Gerangel um die Emissionsrechte

          Klimaschutz braucht klare, gemeinsame Regeln. Sie zu finden fällt Deutschland, Amerika und den anderen Teilnehmern der UN-Klimakonferenz schwer – vor allem, wenn es um viel Geld geht.
          In eine neue Zukunft? Das neue SPD-Führungsduo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

          Neue SPD-Spitze : Zwei Neulinge, viele Helfer

          Die SPD hat eine koalitionskritische Hinterbänklerin und einen Polit-Pensionär an die Spitze gewählt. Aber der Rest der Führung besteht aus Parteiprofis, die überwiegend regieren wollen. Wer sind sie? Eine Analyse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.