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Hisaji Hara in London : Kinder in Uniformen

Reise in eine irritierende Bildwelt: Die Michael Hoppen Gallery in London zeigt Fotografien des Japaners Hisaji Hara nach Werken von Balthus.

          2 Min.

          Balthus, eigentlich Balthasar Klossowski, geboren am 29.Februar 1908 in Paris und gestorben am 18.Februar 2001 in der Schweiz, hat das 20.Jahrhundert beinah ganz durchmessen - nicht zuletzt als der Großmeister juveniler Erotik. Vor allem deshalb gescholten viel, gefeiert indessen noch viel mehr. Seit der ersten Ausstellung seiner Gemälde in Paris 1934, die es zum von ihm intendierten Skandalon schaffte, sehen Kenner und Unterstützer in ihm einen nachgerade einzigartigen Künstler. Verächter und Schmäher erkennen in Balthus anhaltend einen auf den Sexus fixierten Mystifikator, in seinen Gemälden und Zeichnungen und obendrein seiner selbst.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die Wahrheit liegt im Fall Balthus nicht in der langweiligen Mitte. Sie liegt im Auge der Betrachter. Den einen ist seine Exzentrizität ein Signal der künstlerischen Überschreitung, gegen den Strich der Doktrin des 20.Jahrhunderts, die ja seit 1913 in Marcel Duchamp ihren Meister hatte, und als eine Auflehnung selbst gegen André Breton, den Zuchtmeister des Surrealismus; denn Balthus ließ sich nicht auf das Diktat einer Kunst aus dem Unbewussten ein - vertrat also eine künstlerisch konservative Position. Den anderen ist sein Schaffen ein Fanal der Unsittlichkeit; auch dafür hat Balthus einigen Stoff zu bieten.

          Jetzt stellt die Londoner Michael Hoppen Gallery Arbeiten eines japanischen Fotografen aus, der sich über die Bilder von Balthus hergemacht hat. So muss man es schon nennen. Denn Hisaji Hara, geboren 1964 in Tokio, spielt da ein heikles Spiel. In kleinen und in großformatigen Abzügen stellt er berühmte Gemälde und Zeichnungen von Balthus nach - mit sehr jungen japanischen Modellen, in monochromen Aufnahmen. Deren Einfärbung in Sepia erinnert mutwillig an die frühe Fotografie, vage an deren Sujets auch, wo das noch junge Medium voyeuristische Wünsche in Vervielfältigung befriedigte. Hinzu kommt, dass Hara die Liebe seines Vorbilds zu Japan ausnutzen kann. Diese schlägt sich vor allem in Balthus’ späteren Werken nieder, zudem war der Künstler in zweiter Ehe mit der japanischen Malerin Setsuko Ideta verheiratet, mit der er bis zu seinem Tod zusammenblieb.

          So stiftet Hisaji Hara eine irritierende Intimität mit seinen Nachstellungen, die keinem Betrachter unschuldig erscheinen kann - sei er kenntnisreich über die Vorlagen oder betrachte er die Fotografien unvoreingenommen von allfälligen Vergleichen. Denn Haras Bilder rufen, gewissermaßen auf Samtpfoten, unzweideutige Assoziationen hervor, gerade in ihren Abwandlungen der gemalten Originale: Da sind diese Knaben mit der Kappe, der Schuluniform und den provokant sitzenden langen Hosen. Und da sind die Mädchen, stillgestellt in ihren befremdlichen Verrenkungen und Posen, manche ebenfalls in Schultracht.

          Dass der Ort für diese Aufnahmen eine aufgelassene medizinische Klinik der vierziger und fünfziger Jahre in Japan war, gibt ihnen einen zusätzlichen Kitzel. Weist doch dieser Ort in Richtung einer Pathologie, genauer womöglich einer Pathographie. Die Parallele zu Nobuyoshi Araki, dem wegen seiner einschlägigen Sujets umstrittensten zeitgenössischen Fotokünstler Japans, muss ja gar nicht gezogen werden. Aber es bleibt da eine klandestine Anmutung.

          Die fotografische Adaption von berühmten Werken der Malerei ist nicht neu, und Hisaji Hara kennt Balthus’ Oeuvre genau, bis in die Details, das ist unübersehbar. Aber es bleibt der leise Ruch einer Ausschlachtung - schwierig zu entscheiden, ob Hommage oder wohlfeiler Reiz. Eindeutig ist freilich die Perfektion dieser Fotografien.

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