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Stiftung „Peace for Art“ : Sichere Orte für ukrainische Kunst

Viktoria Sorochinski dokumentiert in ihrer fotografischen Serie „Lands of No-Return“, 2009/2018, die letzten Bewohner sterbender ukrainischer Dörfer. Bild: ArtEast Gallery

Die ArtEast Gallery bringt Kunst aus Kiew nach Berlin. Nun wollen ihre Gründerinnen Künstlern aus dem von Krieg überzogenen Land mit einer Stiftung helfen.

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          Ein maskierter Einbrecher neben einem Gefesselten mit verbundenen Augen auf einer Radierung der Kiewer Künstlerinnen Kristina Yarosh and Anna Khodkova alias etchingroom1; Wölfe, die eine Frau in der Badewanne umstellen, wie sie die Lembergerin mit dem Künstlernamen Kinder Album in einem Gemälde inszeniert: Dem Gefühl wachsender Bedrohung hätten viele Kunstschaffende aus der Ukraine seit Längerem immer schärferen Ausdruck verliehen, sagt die Galeristin Cornélia Schmidmayr. Als im Dezember die ersten Bomben in Bildern aufgetaucht seien, hätten sie und ihre Geschäftspartnerin Ivanna Bertrand gewusst: Die Lage verschärft sich.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Ihre in Berlin und Kiew verortete ArtEast Gallery, mit der die Franco-Deutsche Schmidmayr und die Franco-Ukrainerin Bertrand eine Brücke zwischen Ost und West schlagen wollen, war da erst wenige Monate alt. Fotos von der Eröffnung im Juni in der ukrainischen Hauptstadt zeigen ein multinationales Fest bei Sonnenschein. Die Hoffnung trügte. „Viele haben in den vergangenen Jahren dafür gekämpft, dass die Ukraine einen Platz in Europa findet. Aber sie waren Rufer in der Wüste: Europa hat viel zu lange nicht hingeschaut“, sagt Schmidmayr, und die emotionale Anstrengung der vergangenen Wochen schwingt in ihrer Stimme mit.

          Jetzt, da die Invasion Russlands das Gefühl des Bedrohtseins durch eine mit militärischer Brutalität geschaffene neue Realität in der Ukraine ersetzt hat, mit Städten unter Beschuss und Millionen auf der Flucht, ist für die Gründerinnen der ArtEast Gallery klar: „Wir müssen uns größeren Aufgaben stellen.“ Unentwegt seien sie mit Familienmitgliedern, Künstlern und Kooperationspartnern im Land in Kontakt: solchen, die ausharrten, und andere, die sich auf den Weg in den Westen gemacht hätten. Es gehe ums Überleben – und das Überleben der Kunst. „Kultur ist das, was uns zu Menschen macht – und Putin hat auch die ukrainische Kultur im Visier“, sagt Schmidmayr. Um sie vor der Zerstörung zu bewahren, haben die Galeristinnen eine Stiftung gegründet, die Peace for Art Foundation. Sie soll „Safe Spaces“, sichere Orte für Künstler und ihre Arbeiten, schaffen.

          Die Solidarität muss von Dauer sein

          Doch wie kann das gegenwärtig gelingen? Schmidmayr erzählt von einem Autotransport, den sie organisiert hätten, um Druckplatten eines Grafikers in den Westteil der Ukraine zu schaffen. Ein Fotograf, der seine Stadt nicht verlassen wolle, habe ihnen sein gesamtes Werk in Form von Dateien zur Sicherung geschickt: für den Fall, dass ihm etwas zustoße. Noch sei es möglich, Geld zu schicken und Kunstschaffenden finanziell unter die Arme zu greifen. Sie wollten denjenigen, die weiter künstlerisch arbeiten wollten, das ermöglichen – und denjenigen, die es derzeit nicht könnten, ebenfalls helfen.

          Die Website der in Frankreich regis­trierten Peace for Art Foundation wurde in aller Eile online gestellt. Auf ihr können Kreative und Institutionen sich um Hilfe bewerben und Spender Informationen einholen. Im Vorstand sind die Gründerinnen, Unterstützer sowie Kulturexperten. Binnen kürzester Zeit sei das Stiftungskapital von 15.000 Euro zusammengekommen, sagt Schmidmayr – durch kleine und kleinste Beträge. Das zeige ihr: Jeder Beitrag zähle. Eines der ersten Projekte der Stiftung ist eine Ausstellung mit Fotos von Viktoria Sorochinski. In ihrem Projekt „Lands of No-Return“ dokumentiert sie die letzten Bewohner sterbender Dörfer auf dem ukrainischen Land. Der Krieg verleiht den Bildern eine noch größere Dringlichkeit. Auch eine Literaturübersetzung und Hilfe für das Ivan Honchar Museum in Kiew beim Schutz seiner Sammlung stehen auf der Förderliste. Retten, was zu retten ist, ist die Devise.

          Die Galerie in Berlin, nun von ihren Quellen abgeschnitten, ist dennoch geöffnet und zeigt eine Ausstellung der Künstlerin Kinder Album. „Once upon a time ... three dead parrots“ präsentiert naiv-surreale Gouachen, Malereien und Objekte zwischen oberflächlicher Heiterkeit und tiefgründigem Grauen: einen Rettungseinsatz im Wald, das Wolfsrudel und die Badende, auf dem Rücken liegende Keramikvögel (640 bis 5200 Euro). Was zeichnet die ukrainische Kulturszene aus? Schmidmayr, die nach dem Maidan 2014 für das französische Kulturinstitut in Kiew tätig wurde und dort Bertrand kennenlernte, die 2017 die Messe Photo Kyiv mitgründete, spricht von Furchtlosigkeit. „Selbst junge ukrainische Künstlerinnen und Künstler haben schon mehrere Revolutionen und Kriege erlebt. Das prägt sie. Sie wurden immer wieder zu Neuanfängen gezwungen und haben keine Angst vor dem weißen Blatt oder neuen Techniken. Sie wissen, was der Kampf für Meinungsfreiheit bedeutet.“

          Die gegenwärtig überwältigende Solidarität dürfe nicht vergessen machen, dass es eines langfristigen Engagements bedürfe. Irgendwann werde der Krieg zu Ende sein, und keiner wisse, wie das überfallene Land dann aussehe. „Wir müssen versprechen, die Ukraine nie mehr im Stich zu lassen“, sagt Cornélia Schmidmayr.

          Kinder Album, „Once upon a time . . . three dead parrots“, ArtEast Gallery Berlin Kyiv, bis 20. April

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