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Herbstauktionen in Berlin : Letzte Werke, Richtung Gegenwart

Die Villa Grisebach in Berlin fächert ihr Angebot in acht Katalogen auf. Neu ist die Rolle, die von nun an der zeitgenössischen Kunst zugeschrieben ist.

          Mit mehr als 1400 Losen geht das Berliner Auktionshaus Villa Grisebach vom 26. bis zum 29. November ins Rennen, deren mittlerer Gesamtschätzwert mit siebzehn Millionen Euro beziffert ist. Das Angebot an Kunst der Moderne und Gegenwart, dazu die „Orangerie“-Spezialitäten, fassen nun acht Kataloge. Neu ist, dass der Graphik ein eigener Katalog gewidmet wird und dass es einen Extra-band „BRD“ gibt, der die zeitgenössische Kunst aus Deutschland fasst.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Den Auftakt macht, wie inzwischen gewohnt, am 26. November die Kunst des 19. Jahrhunderts. Ihr gehören gut 150 Lose, wieder vom kleinen Blättchen unter tausend Euro bis zum sechsstelligen Spitzenstück, nämlich einer Komposition Adolf Menzels aus der Folge der „Rüstkammer-Phantasien“. Die Provenienzkette verzeichnet, dass das suggestiv komponierte Blatt 1941 für das geplante „Führermuseum“ in Linz erworben, dann 1963 vom österreichischen Bundesdenkmalamt an die Albertina überwiesen wurde. Von dort wurde es in diesem Jahr an die Erben nach Adele Pächter, der Berliner Eigentümerin seit 1905 bis 1940, restituiert. Die außerordentlich attraktive Gouache mit ihrer gesichtslosen Ritterschar ist mit verlockenden 100.000 bis 150.000 Euro beziffert. Trümpfe des Angebots, die den Nerv des Zeitgeschmacks treffen, sind eine Ölstudie auf Pappe von Franz von Stuck, Vorarbeit zum Gemälde „Judith und Holofernes“ im Staatlichen Museum Schwerin (Taxe 15.000/20.000 Euro), und Oskar Zwintschers eindringliches, zwischen symbolschwerer Ornamentik und Realismus schillerndes „Bildnis mit Narzissen“ einer unbekannten Beauté (30.000/40.000) aus dem Jahr 1907. Es war übrigens Zwintscher, den der Dichter Rainer Maria Rilke 1902 nach Worpswede einlud, um die Porträts von ihm und seiner Frau Clara Westhoff zu malen. Dann ist da noch eine frühe, grade zehn mal sechzehn Zentimeter kleine Federzeichnung von Caspar David Friedrich mit sieben „Verschiedenen Segelbooten“. Sie kommt aus dem Nachlass von Johan Christian Clausen Dahl und blieb dann - 1928 bei der Dresdner Kunsthandlung Kühl erworben - bis heute in Familienbesitz. Wer sich in dieses bezaubernde Kleinod verliebt, sieht sich einer Schätzung von 40.000 bis 60.000 Euro gegenüber.

          Das Hauptlos der traditionellen „Ausgewählten Werke“ am 27. November ist von Max Beckmann: Er malte „Stürmische Nordsee (Wangerooge)“ 1937 - es ist sein letztes, vom am Horizont drohenden Sturm aufgewühltes Bild in Deutschland, ehe er nach Amsterdam emigrierte. Und es war, wohl seit 1938, bei seinem Freund Stephan Lackner im kalifornischen Santa Barbara, danach bis heute in Familienbesitz. Dafür werden 800.000 bis 1,2 Millionen Euro erwartet. Dieser Beckmann ist zugleich ein Signal dafür, dass Spitzenstücke des Expressionismus, die einstige Domäne des Hauses, vom deutschen Auktionsmarkt praktisch weggefegt sind. Wer sich von solchen kapitalen Werken derzeit überhaupt trennen will, weicht anscheinend endgültig nach New York oder London aus, in der Hoffnung auf Profitmaximierung. Dennoch - es gibt Lose für wahre Liebhaber und für Kenner (denen Spekulation hoffentlich fernliegt): Eher in die Kategorie Liebhaber fällt Lovis Corinths halbentblößtes „Schlafendes Mädchen“ von 1899, das sich mit der linken Hand ein schwarzes Halsband löst, als sei es eine kleine Schwester von Manets „Olympia“ (100.000/180.000).

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