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Achenbach-Prozess : Nachrichten aus dem Steuerparadies Jersey

  • -Aktualisiert am

Er war nicht der einzige, der profitierte: Im Prozess gegen den Kunsthändler und Berater Achenbach zeigt sich, dass auch andere Gewinn schlugen. Für große Museen waren seine Deals höchst lukrativ.

          Als der Strafprozess gegen den Kunstberater und Händler Helge Achenbach begann, war es ein wenig so, als habe ein Käuzchen sein Gewölle ausgespien: Das Knäuel aus unverdauten Resten wurde von Journalisten umgehend Vertretern des Kunstbetriebs unter die Nase gehalten, mit der Frage, was sie davon hielten. Die wenigen, die sich zitieren ließen, riefen meist „Igitt!“. Kasper König, bis 2012 der Direktor des Kölner Museums Ludwig, nannte Achenbach einen „halbseidenen Typ, genial und gerissen“. Das klang nicht danach, als würde er einen Förderer seines ehemaligen Hauses beschreiben.

          Die Anhörung zweier Zeugen im Landgericht Essen am Dienstag klärte jedoch einmal mehr über Achenbachs Museumsverbindungen auf. Auftritt Jan Böhm: Banker - grauer Anzug, grau-gelber Schlips, graue Haare, Brille. Bei der Berenberg Bank leitet Böhm den Bereich Finanzen, 2013 trat er in die Geschäftsführung der Kunstberatungsfirma Berenberg Art Advice ein. Zur Geschäftsführung zählte Achenbach, die Zahlen waren nicht gut, die Bücher sollten überprüft werden. Wer sich Buchhalter als Personen mit gutem Gedächtnis vorstellt, der wurde enttäuscht. Die häufigste Antwort lautete: „Das weiß ich nicht mehr.“ Kraftvoll bestritt Böhm die Kompetenz in Sachfragen. Nein, ein Kunstkenner sei er nicht, auch kein Fondsspezialist - obwohl das Unternehmen einen solchen unterhielt, den „Berenberg Art Capital Fund“. Richter: „In diesem Zusammenhang taucht der Name Jersey auf“ - und damit sei nicht die Stoffart gemeint. An Jersey, die Insel vor Frankreich, konnte Böhm sich erinnern. Dort nämlich hatte die GmbH des Kunstfonds den Sitz. Er nehme an, so Böhm, dass es um Steuervorteile gegangen sei.

          Zur Überraschung der Bank, so ergab die Befragung, musste der Kunstfonds im Mai 2013 jedoch schließen, als der Deutsche Bundestag eine neue Richtlinie verabschiedete, der das hauseigene Produkt nicht entsprach. Kurzum: Zum Wunsch, mit Achenbach und seinen Sammlerverbindungen Geld zu verdienen, schien das Unternehmen wenig Sachverstand beigesteuert zu haben.

          In freudiger Erwartung

          Auch die Geschäfte der Berenberg Art Advice wurden rückabgewickelt. Der Richter verlas einen Brief, den das Bankhaus an eine Kundin in Quakenbrück richtete. Diese hatte für 875.000 Euro Georg Baselitz’ Gemälde „Landschaft von Trier“ gekauft, das Achenbach wenig zuvor im Einkauf nur 200.000 Euro kostete. Als der hohe Aufschlag bekannt wurde, bot das Bankhaus an, den Kauf rückgängig zu machen, und versicherte, nach einem neuen Bild Ausschau zu halten, das als „Dauerleihgabe an ein Museum“ gehen könnte. Dieses Vorgehen ermöglicht, die Erbschaftsteuer einzusparen. Für den Baselitz war bereits das Wiener Museum Albertina vorgesehen. Die Albertina beherbergt auch den Baselitz-Zyklus, den Achenbach den Brüdern Viehof verkaufte. Es ist jedoch nicht das einzige Museum, das zu Achenbach gute Verbindungen unterhielt.

          Auftritt Paul Schönewald: Galerist und Händler - eleganter Anzug, blass, Augenringe. Zur Sprache kam dessen Verkauf von Roy Lichtensteins „Seascape with Sunset“ für 1,2 Millionen Dollar. Den Gewinn habe er sich mit Achenbach geteilt, der ihm im April 2010 ermöglichte, Bilder direkt aus dem Nachlass zu erwerben. Der Einkaufspreis betrug 800.000 Dollar. Informiert, so Schönewald, habe ihn Achenbach, dass im Zusammenhang mit dem Kauf eine Spende von 100.000 Euro für das Museum Ludwig erwartet werde, das im selben Jahr eine Retrospektive für den Künstler ausrichtete.

          Diese habe er gezahlt. Gegenüber dieser Zeitung gab Kasper König an, Achenbach auf dessen Nachfrage nur die Auskunft des Nachlasses übermittelt zu haben, dass für den Zugang zum Fundus ein „Bekenntnis zu dem Kunstschaffen von Lichtenstein“ erwartet werde, das in einer „essentiellen Spende“ für die defizitäre Schau bestehen könne. Achenbach habe eine Spende in Höhe von 50.000 Euro geleistet. Berthold Albrecht, der verstorbene Aldi-Erbe, den Achenbach beriet und dessen Witwe die Anklage wegen Betrugs erhoben hat, habe weitere 150.000 Euro für die Ausstellung gespendet. Als weitere Zeugen wurden für nächste Woche unter anderen Philomene Magers, Tony Cragg und Benjamin Katz geladen.

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