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Haus Liebermann : Ein letztes Gefecht des Humanismus: Berlin erinnert sich des Kunsthändlers Paul Cassirer

  • -Aktualisiert am

          5 Min.

          Eine der skurrilsten Zeichnungen Emil Orliks zeigt ein musizierendes Paar. Sie, mit einem spitzbübischen, gerade noch nicht diabolischen Lächeln, spielt Klavier. Er, die ohnehin runden Wangen dick gebläht, scharfbogige Brauen und spitz zulaufende Ohren, bläst eine Flöte. Die beiden, die man unwillkürlich „Faun und Faunin“ oder „Pan und Mänade“ nennen möchte, sind der Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer und seine Frau, die legendäre Schauspielerin Tilla Durieux.

          In der Cassirer-Ausstellung der „Stiftung Brandenburger Tor“ im Berliner Haus Liebermann am Pariser Platz ist diese Zeichnung Orliks, den Paul Cassirer früh förderte, nicht vertreten. Wäre sie es, würde sie zum Emblem dessen, was dort ausgebreitet ist: Person und Werk eines Mannes, der, ein zwischen Leidenschaft und Intellekt zerrissenes Temperament, wie kaum ein zweiter, von 1900 bis 1926 Kunst und Künstler, Kunst- und Sozialpolitik in Deutschland maßgeblich beeinflußte.

          Seine Muse, später seine ihn antreibende Partnerin und zuletzt diejenige, die er mit seinem Dämon verwechselte, war Tilla Durieux. Im Liebermann-Haus füllen Porträts von ihr eine ganze Wand: Lovis Corinths „Spanische Tänzerin“ von 1908, eine Huldigung an die Frau, die Berlin „das Puma“ des deutschen Theaters nannte. Daneben Franz von Stucks „Circe“, myrrhegeschwängerte Jugendstilerotik in Türkis, Kobaltblau, Hennarot und Schwefelgelb, die Durieux in einer ihrer Glanzrollen, anno 1911.

          Die beeindruckendste Darstellung aber ist - abgesehen von zwei wunderbaren Büsten Barlachs und Herrmann Hallers - ein großes, schlicht „Tilla Durieux 1912“ betiteltes Gemälde Max Oppenheimers. Er, damals der größte Konkurrent Oskar Kokoschkas, malte die junge Frau in einer sublimen Mischung aus Expressionismus und Kubismus. Erdtöne herrschen vor, warmdunkles Braun, changierend wie Seide, etwas Rot und lichtes Moosgrün. Das Gesicht der Durieux wirkt abwesend, fast somnambul und trauernd. Die Hände liegen schlaff im Schoß, die Finger zu bizarren Haltungen gebogen, manieriert und doch ergreifend, als hätten sie Geheimnisse zu erzählen.

          Gespenstisch ähnlich ist diesem zwischen Lethargie und lauernder Energie flirrenden Ausdruck der jener Bronzebüste, die Georg Kolbe 1925 von Paul Cassirer anfertigte. Die extrem scharf umrissenen Lippen, die zugleich seltsam weich erscheinen, der adlerartig scharfe Nasenrücken, die tiefgezogenen Mundwinkel, die je nach Lichteinfall den Mann mokant oder verbittert erscheinen lassen - all dies ruft in Erinnerung, daß Paul Cassirer 1925 für seine jähen Stimmungswechsel nicht mehr nur berühmt, sondern auch berüchtigt war.

          Ein Mephisto, der sich zur Raison zwingt, so zeigt es Kolbe. Oppenheimers Durieux dagegen ist abgemildert zur modernen Prophetin. Eine angedeutete Gloriole umfängt ihren Kopf. Doch - und das ist das Signet der Moderne - der Umriß dieses Heiligenscheins ist schroff und läßt die Moses-Darstellungen der Renaissance anklingen, die jene (auf einem Übersetzungsfehler basierende) mittelalterliche Tradition des gehörnten Propheten nutzten, um die wilde, fast teuflische Wut eines zornbebenden Glaubensstifters anzudeuten. Oppenheimer beschwor damit womöglich die Aktivitäten von Tilla Durieux, die in jenen Jahren gemeinsam mit dem Sozialisten und Musiker Leo Kestenberg (die Ausstellung bietet ein großartiges Kestenberg-Bildnis von Kokoschka) regelmäßig Arbeiterversammlungen im Wedding besuchte, auf denen sie Goethegedichte rezitierte und Rosa Luxemburg kennenlernte, der sie dann häufiger Geld zukommen ließ.

          Hier die mondäne Schauspielerin und Gattin des reichsten Kunsthändlers Deutschlands, da die engagierte Sozialdemokratin: Beides vereinen zu können, verdankte sie Paul Cassirer. Jahrelang hatte er sie die Reime Goethes rezitieren lassen, ihr Verständnis angestachelt, ihr den Wert der Dichtung für eine ganze Gesellschaft regelrecht einzubleuen versucht. Mit derselben Energie publizierte Cassirer in seinem Verlag (gegründet 1908 nach der Trennung vom Bruder Bruno) Goethe-Gedichtmappen, illustriert von Max Liebermann, Ernst Barlach, Hans Meid und Karl Walser.

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