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Hanna Stirnemann : Die Avantgarde der Frauen

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Mit ihrem rückhaltlosen Bekenntnis zur Gegenwartskunst, ihrer exponierten Stellung und ihrem selbstbewussten Auftreten als moderne Frau, mit Kurzhaarschnitt und in der Öffentlichkeit rauchend, war sie den nationalsozialistischen Machthabern schnell suspekt und wurde alsbald als „politisch untragbar“ zum Rücktritt gezwungen: Eine Ausstellung mit Werken des Malers Franz Radziwill aus Dangast, den Stirnemann während ihrer Zeit in Oldenburg kennengelernt hatte, wird im Frühjahr 1935 auf Druck der Nationalsozialisten abgebrochen. „Ich übersehe noch nicht die einzelnen Zusammenhänge und muss dem höheren Befehl stattgeben und die Ausstellung von heute ab schließen“, teilt sie dem Maler mit.

Auch sie selbst ist nun in Bedrängnis. Denunzianten verweisen auf einen jüdischen Urgroßvater. Der unabwendbaren Entlassung kommt Hanna Stirnemann mit der Kündigung zum Jahresende zuvor. Der ehemalige Kommilitone Werner Meinhof, ebenfalls in Halle promoviert, der ihr schon in Oldenburg als Assistent am Landesmuseum gefolgt war, übernimmt in Jena ihre Position.

Im Jahr 1935 hatte Stirnemann den Maler und ehemaligen Bauhäusler Otto Hofmann geheiratet. Mit ihm zieht sie sich nach Hainichen bei Dornburg an der Saale zurück, wo das Ehepaar eng mit dem Keramiker Otto Lindig zusammenarbeitet. Schon 1931 hatte sie – zur Unterstützung Lindigs – die „Vereinigung der Freunde der Dornburger Keramik“ gegründet. Wassily Kandinsky rät dem Ehepaar zur Emigration, doch Hanna Hofmann-Stirnemann und ihr Mann bleiben in Deutschland. Otto Hofmann wird 1940 zum Kriegsdienst eingezogen, von 1941 an schreibt er ihr, ebenso wie an Hans Thiemann und Herbert Kunze, reich illustrierte Malerbriefe aus Russland.

Rehabilitierung nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Hanna Hofmann-Stirnemann zunächst rehabilitiert. „Unbelastet“ vom Nationalsozialismus wird die ungewöhnliche Frau Doktor im Mai 1945 Bürgermeisterin von Hainichen, bevor sie die Leitung des Schlossmuseums in Rudolstadt übernimmt. Beim Volksbildungsministerium in Weimar wird ihr die ehrenamtliche Leitung des Museumsreferats übertragen. Doch mit der zunehmend restriktiver werdenden Kulturpolitik der DDR kann sie sich nicht arrangieren: „Immer unausweichlicher wurde ich in meiner Stellung zu politischen Aussagen gedrängt, die ich innerlich nicht hätte verantworten können“, erinnert sie sich.

Sie, die sich nun Johanna Hofmann nennt, geht 1950 mit ihrem Mann nach Westberlin, wo sie in den fünfziger Jahren den Berliner Werkbund leitet und sich für das zeitgenössische Industriedesign der „guten Form“ engagiert. „Scheuen wir uns nicht, wohnen zu lernen!“, schreibt sie 1957 in dem vom Berliner Werkbund herausgegebenen Ratgeber „Wohnen in unserer Zeit“. Obwohl sie noch bis 1996 in Berlin lebte, war dies bereits eine der letzten ihrer Veröffentlichungen. An ihre Pionierzeit als erste Museumsdirektorin Deutschlands anzuknüpfen, gelang Hanna Stirnemann alias Johanna Hofmann nicht mehr. Ihre Geschichte ist heute fast vergessen.

Eine der schönsten Erinnerungen an sie – und an das klandestine Netzwerk avantgardistischer Frauen – ist das Porträt, das Gabriele Münter im Jahr 1934 von ihr malte: Münters Lebensgefährte Johannes Eichner hatte 1933 eine Wanderausstellung mit „Gemälden aus 25 Jahren“ konzipiert, die 1933 im Bremer „Paula Becker-Modersohn-Haus“ startete, bevor sie im Januar 1934 in Jena zu sehen war. Anlässlich dieser Station wurde in den regionalen Zeitungen schon leidenschaftlich darüber gestritten, ob Münters farbstarkes Werk im „Dritten Reich“ noch zeitgemäß sei. Im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Ausstellung in Jena müssen sich die Malerin und die Museumsdirektorin begegnet sein – und es entstand Gabriele Münters Porträt von ihr, das die erste Museumsdirektorin Deutschlands, selbstbewusst rauchend, als Neue Frau präsentiert.

Der Verfasser ist Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg.

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