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Halbjahresbilanz : Trend zu gutbezahlter Mathematik: Das erste Halbjahr 2006 für Zisska & Kistner und für Hartung & Hartung

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Abgesehen von der - von Felix Hartung konstatierten - „Botanikschwäche“ geht Antiquarisches in München recht flüssig. Vor allem Geographisches und topographisches Material kam bestens an und auch frühe mathematische Werke waren gesucht.

          Sein letztes Arbeitsjahr als Auktionator Alter Bücher und wertvoller Handschriften begann für Friedrich Zisska zufriedenstellend. Und Herbert Schauer, der nach zwei Jahrzehnten Mitarbeit bei Zisska & Kistner zu Beginn nächsten Jahres Inhaber des Hauses wird, dürfte eine Verkaufsquote von mehr als 75 Prozent der Gesamttaxe zuversichtlich stimmen.

          Daß die inländische Käuferschaft, die noch im Herbst stark schwächelte, wieder aktiver auftrat, sah man mit Genugtuung. Buchstäblich unterbemittelt, ziehen jedoch öffentliche Bibliotheken und Institutionen mittlerweile ständig den kürzeren. Eine Ausnahme ist die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, die - nach dem verheerenden Brand spendengestärkt - ihre Verluste auszugleichen sucht. Die Bayerische Staatsbibliothek hingegen konnte von Glück sagen, daß die sieben Bände liegenblieben, die königlich bayerische Edelknaben in den Jahren um 1830 artig mit Berichten von ihren Kavalierstouren im In- und Ausland füllten; denn so bekam sie die roten Bücher aus Besitz des Prinzen Clemens von Bayern im Nachverkauf zum Limit von 6500 Euro (Taxe 8000).

          Die Faxen dicke

          Adolf von Menzel hatte die Faxen dicke; einen „Autographenschnorrer“, der den Maler mit der wiederholten Bitte um eine „Inscription“ in sein Album genervt hatte, fertigte er höflich ab: Er fühle sich „außer Stande . . . so werthvolle Aufmerksamkeiten irgendwie angemessen zu erwidern“, schrieb Menzel 1860. Der hartnäckige Bittsteller nahm, was kam, und bewahrte ersatzweise die Absage auf, die jetzt 360 Euro (120) kostete. Für sieben Briefe Günter Eichs an Johannes von Guenther waren 2400 Euro (1800) fällig und für einen Rilke-Brief über die Liebe 2200 Euro (1500).

          „De animalibus“, eine venezianische Übersetzung von Aristoteles' tierkundigem Text in vierter Inkunabel-Ausgabe von 1498, übernahm Londoner Handel für stattliche 11 000 statt geschätzter 6000 Euro. Duhamel de Monceau machte sich mit dem „schönsten jemals publizierten Werk über Früchte“ verdient: Ab 1807 erschien sein „Traité des arbres fruitiers“ neu geschrieben nochmals in Groß-Folio; ein immens attraktives Exemplar bekam ein inländischer Privatbieter, unter Taxe, für 80 000 Euro.

          Auch J. Edwards „Herbal“ in seltener erster Ausgabe blieb in Deutschland, für erwartete 15 200 Euro. Flüssig verkaufte sich eine große Sammlung Rechtsbücher mit hübsch anzusehenden Rücken. Aus einem kleineren Stoß Kinderbücher fischte ein französischer Antiquar den Katalog eines belgischen Spielzeughändlers, der Mitte des 19. Jahrhunderts seine Waren handgemalt anbot, für 8000 Euro (Taxe 9000), und der „Neu erfundene Lust-Weg“, welcher der „Zarten Jugend“ das ABC durch „beyhilffe . . . darzu bequemer Bilder“ erleichtern wollte, stieg auf 2600 Euro (2000).

          Skandinavische Ansichten

          Geographisches und topographisches Material kam einmal mehr bestens an: Ein Norweger fand die hohe Schätzung für nur einen - den vierten - Band des Braun und Hogenbergschen Werks „Civitates orbis terrarum“ wohl deshalb nicht überzogen, weil der als einziger zahlreiche skandinavische Ansichten enthält; bei 27 000 Euro (30 000) erhielt er den Zuschlag. Eine Riesenüberraschung lieferte ein kleines Album sehr ansehnlicher, um 1850 gouachierter Neapel-Ansichten: Auch einen Vesuv-Ausbruch, Capri, Ischia und andere süditalienische Bellezze bietet das Bändchen, das mit seiner Taxe von 1500 Euro mehr als eine Person reizte - und erst für 15 500 Euro an eine Genfer Sammlerin ging.

          Sehr alte friedliche Zustände spiegelt eine Jerusalem-Ansicht von der Höhe, die B. von Breydenbach 1486 mit der Landkarte Palästinas umgab; amerikanischer Handel nahm das Blatt für 18 000 Euro (6000), und ein niederländischer Kollege ergatterte eine seltene Flandernkarte, indem er von 600 bis 8000 Euro durchhielt: Wirklich gutes Material aufzutreiben ist mittlerweile eben auch im Handel mit Antiquarischem die schwierige Hauptaufgabe.

          Die Buchhaltung der Medici

          Dieser Herausforderung sah sich auch das Haus Hartung & Hartung gegenüber. In welchen Sparten sie bewältigt wurde, zeigen hier ebenfalls die Resultate des ersten Halbjahrs; zum Beispiel bei den Varia: Dort sorgte Teil zwei der ehemals in Schloß Laudenbach untergebrachten Fechenbachschen Bibliothek - nicht zuletzt dank schöner Ledereinbände und Bestzustand so gut wie nie geöffneter Bücher - für einen Umsatz in Höhe von 106 Prozent der Gesamttaxe.

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