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Gwangju Biennale : Der Verlust der Ordnung

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Die südkoreanische Kunstschau wird in diesem Jahr von sechs Frauen geleitet. Sie kommen aus China, Japan, Indien, Südkorea, Indonesien und Qatar. Ein Besuch.

          Sechs Frauen. Sie kommen aus Korea, China, Japan, Indien, Indonesien und Qatar. Sie kannten sich vorher nicht. Gemeinsam standen sie nun vor der Herausforderung, die 9.Gwangju Biennale in Südkorea zu kuratieren. Die Stadt Gwangju, 330 Kilometer südlich von Seoul gelegen, ist vor allem bekannt für das Massaker von 1980, als Studenten für Demokratie und gegen die Militärregierung demonstrierten und getötet wurden. Mittlerweile erinnern Denkmäler und Touristentouren an das Blutbad. Fest im Stadtmarketing verankert, eignet sich diese Erinnerung längst nicht mehr als thematischer Aufhänger einer großen Kunstausstellung.

          Und doch haben die Kuratorinnen jetzt eine politische Auseinandersetzung gefunden - und die Schwierigkeiten dieser Unternehmung im Titel „Roundtable“ ausgedrückt. Der Titel trifft einen zentralen Nerv unserer Zeit. Hatten die beiden Vorgänger der Biennale, Okwui Enwezor 2008 und Massimiliano Giono 2010, eng strukturierte, museumsähnliche Schauen vorgelegt, so antwortet jetzt das Frauenteam mit einer großen Unübersichtlichkeit. Sechs Unterthemen haben sie gewählt, um „die Vielschichtigkeit der zeitgenössischen Kunst zu zeigen“, wie die südkoreanische Kuratorin Sunjung Kim erklärt. Unter Stichworten wie „Individualität und Kollektivität“, „Intimität, Autonomie und Anonymität“ oder „Zeit und Raum im Zeichen einer neuen Mobilität“ kommt alles zur Sprache, was als Auswirkungen der Globalisierung diskutiert wird. Neu ist davon nichts. Aber die Entscheidung, alles fröhlich zu vermischen, ist erfrischend.

          Enge Kooperation von Kunstfestivals und Kunstmarkt

          Nur Nancy Adajania aus Indien und Carol Yinghua Lu aus China präsentieren eine räumlich abgegrenzte Gruppenausstellung, Wassan Al-Khudhairis (Qatar) und Ali Swastikas (Indonesien) Künstlerauswahl ist über die Biennale verteilt ohne eigene Bereiche. Und Sunjung Kim aus Korea und Mami Kata Oka aus Japan mischen kräftig die Kunst durch und gehen dabei auch bis in die Stadt hinein, zum Tempel Mugaksa und zum traditionellen Daein Market.

          Man kann diese Offenheit als Beliebigkeit werten, aber davon ist diese Biennale weit entfernt. Im Gegenteil: Hier wird bewusst gar nicht erst versucht, eine Einheit zu erzeugen, die die Welt momentan schlicht nicht bietet. Zu sehr befindet sich unsere Kunstwelt im Umbruch, in kürzester Zeit entstehen neue Galeriezentren wie in Dubai, Singapur und sogar Dschidda, und Kunstfestivals und Kunstmarkt arbeiten immer enger zusammen wie jüngst auf der Documenta13 in Kassel. Immer deutlicher wird, dass die Vorherrschaft der westlichen Kunst immer mehr ins Wanken gerät - und damit auch die minimalistische reduzierte Ästhetik von Werken, die alles allzu Erzählerische vermeiden.

          Diese Situation spiegelt die diesjährige Gwangju Biennale eindrücklich wider. In den Beiträgen der mehr als neunzig Künstler werden lustvoll Geschichten erzählt voller historischer Anspielungen, symbolischer Verweise, Verbindungen zwischen Zeiten und Kulturen und neuer Blicke auf Traditionen. Jun Yang zeigt in seinem Film „Seoul Fiction“ ein altes Ehepaar, das mit dem Bus vom Land in die Stadt fährt, um die Kinder zu besuchen. Voller Erstaunen sehen sie die endlosen Bettenstädte, die Apartment-Komplexe und die fünfspurigen Autostraßen an sich vorbeiziehen. Sie sind in einer Welt gelandet, die gesichtslos, die abstrakt ist.

          Erinnern die Betonburgen einerseits an die Minimalismus-Sprache à la Donald Judd, so sind sie hier andererseits als reale Umgebung des Biennale-Geländes grauer Alltag. Auch Rirkrit Tiravanija spielt mit der Unüberschaubarkeit. Vor der zentralen Ausstellungshalle hat er Tischtennisplatten aus glänzendem Chrom aufgestellt. Ein kontrolliertes Spiel ist allerdings nicht möglich, zu unberechenbar ist die schöne Oberfläche, zu irritierend sind die Spiegelungen. Und zu massiv die beiden Glasscheiben, die statt des Netzes die Mitte markieren und auf die Grenze zwischen Nord- und Südkorea anspielen.

          In jeder Schicht liegt eine neue Ordnung

          Die Biennale präsentiert sich politisch und kritisch, etwa auch Pedro Ryes zu Musikinstrumenten umgebaute Waffen mit dem hoffnungsvollen Titel „War is over if you want it“. Oder Laurent Grassos grelle Neonschrift „Visibility is a trap“. Ab und an taucht auch die Erinnerung an das Gwangju-Massaker wieder auf. Viel eindrücklicher aber wirkt Abraham Cruzvillegas’ Installation in einem alten Haus aus den dreißiger Jahren, aus der Zeit der japanischen Besetzung.

          Während seines dreiwöchigen Aufenthalts legte der mexikanische Künstler die vielen Abdeckungen und Eingriffe in die Architektur frei, die wie eine Biographie vom Leben in dem Haus erzählen, in dem jede Schicht eine neue Ordnung versucht. Wie Abraham Cruzvillegas hat auch das Gwangju-Biennale-Team erst gar nicht versucht, eine unübersichtliche Welt zu ordnen, sondern nur die vielen Schichten ansatzweise freigelegt.

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