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Gutes Ende : Wiederentdeckt, restituiert und bald auktioniert: Egon Schieles „Sonnenblumen“

  • -Aktualisiert am

Über sechs Jahrzehnte war das berühmte Gemälde verschollen, nun sind Egon Schieles „Sonnenblumen“ wieder aufgetaucht und werden am 20. Juni bei Christie's in London versteigert. Dort kann die Öffentlichkeit erstmals seit über sechzig Jahren ihren dunklen Glanz bewundern.

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          Von einer bleichen Sonne ausgedorrt, halten sich die hart und stachelig gewordenen Blütenkronen nur mühsam auf den brüchigen Stengeln. In den „Sonnenblumen“ van Goghs verdichtete sich die Glut mediterraner Erleuchtung, aus den „Sonnenblumen“, die Egon Schiele 1914 lebensgroß auf die Leinwand brachte, scheint jeder Funke Zuversicht gewichen. Das Schicksal dieses am Vorabend des Ersten Weltkriegs entstandenen Gemäldes war seither eng mit den Abgründen des 20. Jahrhunderts verbunden.

          Als der Pariser Christie's-Experte für moderne Kunst, Thomas Seydoux, im vergangenen Herbst den Anruf eines Rechtsanwalts aus der Provinz erhielt, der für seinen Kunden um die Expertise eines „wichtigen Gemäldes von Schiele“ bat, erschien dieser Auftrag zunächst als eines der Routinegutachten von Auktionshäusern, die zahlreiche Kopien, aber nur wenige Meisterwerke zutage fördern.

          Fotografien des Gemäldes schürten die Neugier, aber erst die Begutachtung vor Ort verschaffte Thomas Seydoux und seinem deutschen Kollegen Andreas Rumbler Gewißheit: Es handelte sich zweifellos um die „Sonnenblumen“ von Egon Schiele, ein Gemälde des Formats ein mal 1,2 Meter, das einst dem Wiener Sammler Karl Grünwald gehörte und das seit dem Krieg verschollen war.

          1914 bis 1943

          Bis zum Zweiten Weltkrieg ist die Geschichte des Bilds detailgenau belegt. Auf dem „Salon Triennal“ in Brüssel, wo es 1914 ausgestellt war, erwarb es der Sammler Xavier Gmür für 3000 Franc. Der Kriegsausbruch verhinderte die Zahlung der Summe, und als die „Sonnenblumen“ 1917 nach Wien zurückgelangten, verkaufte Schiele, der die Transaktion für gescheitert hielt, das Bild an Richard Lanyi. Nach dem Krieg konnte Xavier Gmür jedoch seine Ansprüche geltend machen und erhielt das Gemälde zurück.

          Er veräußerte es einige Jahre später an den Wiener Kunst- und Antiquitätenhändler und späteren Importeur für Dekorationsstoffe Karl Grünwald. Der Kunstsammler Grünwald war ein Freund und Förderer des Malers gewesen und hatte ihn im Krieg als vorgesetzter Offizier sogar vom Frontdienst befreien können. Im Lauf der Jahre brachte Grünwald eine beachtliche Sammlung von Werken Schieles, Klimts oder Kokoschkas zusammen. Doch 1938 mußte die jüdische Familie aus Wien fliehen.

          Aus Briefen an Arnold Schönberg, die das Arnold Schönberg Center in Österreich zugänglich gemacht hat, geht hervor, daß Karl Grünwald versucht hat, seine Sammlung zu verkaufen, um die Überfahrt seiner Familie nach Amerika zu finanzieren. Es gelang ihm nicht, und so floh er im September 1938 zunächst nach Frankreich und ließ seine Sammlung - es soll sich um etwa fünfzig Werke handeln - mit einer Ausfuhrgenehmigung durch die österreichischen Behörden nach Frankreich transportieren.

          Karl Grünwald konnte dank des Einsatzes von Arnold Schönberg 1941 in die Vereinigten Staaten auswandern. Seine Frau und eines seiner vier Kinder konnten sich nicht retten, sie starben in einem Konzentrationslager. Die Sammlung blieb unterdessen im Lager des Spediteurs in Straßburg und wurde zwischen 1942 und 1943 beschlagnahmt und versteigert.

          Aus dem Gedächtnis

          Dank der Recherchen der Kunsthistorikerin Sophie Lillie, die Ende 2003 in Wien „Was einmal war - Handbook of Vienna's Plundered Art Collections“ veröffentlichte, ist heute bekannt, daß Karl Grünwald gleich nach dem Krieg, als er von der Versteigerung seiner Sammlung erfuhr, aus dem Gedächtnis Listen seines verlorenen Besitzes erstellte. Zu den Versteigerungen gibt es weder Kataloge noch sonstige Informationen; sie wurden möglicherweise von Gerichtsvollziehern im Depot selbst abgehalten.

          Erst 1970, sechs Jahre nach dem Tod Karl Grünwalds, konnten seine Kinder das 1917 von Schiele gemalte „Porträt von Karl Grünwald“ zurückerlangen; es war in einer Auktion aufgetaucht und hängt heute im Toyota-Museum in Japan. Nach einem mehrjährigen Prozeß gegen das Museum für moderne Kunst von Straßburg erhielten die Erben Karl Grünwalds Ende 2000 die Gouache „Die Erfüllung“ zurück, ein Entwurf Gustav Klimts für den Fries im Palais Stoclet in Brüssel.

          Als Beutekunst gesucht

          Spätestens seit der Veröffentlichung der „Sonnenblumen“ in Sophie Lillies Buch ist den Spezialisten weltweit bekannt, daß das Bild als Beutekunst gesucht wird. Der letzte Besitzer soll das Gemälde mitsamt dem Mobiliar einer Eigentumswohnung gekauft haben, ohne zu ahnen, welch bedeutendes Werk er besaß. Die Experten von Christie's teilten ihm mit der guten Nachricht von der Echtheit des Gemäldes auch gleich mit, daß er es an die Erben des früheren Eigentümers zurückgehen müsse.

          Der Besitzer, der anonym bleiben will, habe sich sofort zur Rückgabe bereit erklärt, sagt Thomas Seydoux. Im vergangenen Februar wurde das Gemälde der Familie Grünwald ausgehändigt. Der dunkle Glanz von Schieles „Sonnenblumen“, auf vier bis sechs Millionen Pfund geschätzt, wird am 20. Juni bei Christie's in London zum ersten Mal seit mehr als sechs Jahrzehnten in der Öffentlichkeit zu sehen sein. Ihr Verbleib während dieser langen Zeit bleibt trotz des guten Endes ein Geheimnis.

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