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Treffpunkt der Avantgarde : Grüße aus dem Café du Dôme

  • -Aktualisiert am

Von der Seine nach Oldenburg kommt 1926 die kleine Terra­kotta-Göttin. Bild: 2009 Sven Adelaide

Ein Im Landesmuseum Oldenburg aufgetauchter Brief von 1926 und eine kleine Göttin erinnern an den Pariser Treffpunkt deutscher Avantgardisten vor dem Ersten Weltkrieg.

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          Während des Lockdowns der Museen geriet das Inventarisieren wieder in den Fokus. Und zwischen Stapeln von Korrespondenz aus dem Jahr 1926 fand sich im Landesmuseum Oldenburg unverhofft der Briefkopf des Café du Dôme, das gut zwei Jahrzehnte lang das Zentrum der deutschen Künstler in Paris war.

          Schon in den Zwanzigerjahren war dieser Künstlerkreis legendär: Vor dem Ersten Weltkrieg hatten sich in dem unscheinbaren Bistro an der Ecke von Boulevard Montparnasse und Rue Delambre Künstler aus ganz Europa getroffen, die der Aufbruch in die Moderne nach Paris gelockt hatte. Friedrich Ahlers-Hestermann, Walter Bondy, Wil Howard, Rudolf Levy und Hans Purrmann bildeten den Nukleus der deutschen „Dômiers“, denen sich der aus Bulgarien stammende Jules Pascin anschloss. Auch die Kunsthändler Alfred Flechtheim, Otto Feldmann, Daniel-Henry Kahnweiler und Wilhelm Uhde gehörten zum Freundeskreis am Montparnasse und versuchten dort, die gefeierten Künstler der Zukunft ausfindig zu machen und Werke für den Verkauf in Deutschland aufzuspüren.

          Ein Stück Heimat

          „Bis zum Jahre 1910 etwa blieb der Dôme eine rein deutsche Angelegenheit“, erinnerte sich der Maler Rudolf Levy später: „Der Name hatte Klang bekommen, und der Zuzug aus Deutschland wurde stärker und stärker. Malern, Dichtern, Schriftstellern, Literaten, fast allen denen, die das Zauberwort Paris angelockt hatte, wurde dieser Caféhaussaal ein Stück Heimatboden. Eine neue Zeit kündigte sich an. Im Jahre 1906 wohl wurde der Name Matisse hier zum ersten Mal genannt. Und wenig später auch der Picassos.“

          Otto Feldmann stellte die deutschen Künstler aus Paris 1912 in seinem Rheinischen Kunstsalon in Köln vor. Alfred Flechtheim folgte mit der Ausstellung „Der Dôme“ wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in seiner Düsseldorfer Galerie. Kurze Zeit später standen sich Deutschland und Frankreich als verfeindete Nationen gegenüber. Die deutschen Künstler mussten aus Paris in ihr Heimatland zurückkehren, und der Künstlerkreis löste sich auf. Der ehemalige Treffpunkt wurde zum Stoff nostalgischer Erinnerung und das Café selbst zu einem frühen Beispiel der Gentrifizierung.

          Der Schriftsteller und passionierte Flaneur Franz Hessel, der das Dôme aus Vorkriegstagen kannte, staunte bei seiner Rückkehr in den Zwanzigern über das „glitzernde, brausende Tohuwabohu“ des Cafés unter neuer Leitung. Wo sich vor dem Krieg Künstler tummelten, mischten sich nun Rückkehrer, Neuankömmlinge und Touristen aus aller Welt auf der Suche nach den Spuren der gloriosen Zeit der Avantgardisten vom Montparnasse. „Das Café du Dôme ist erledigt“, mokierte sich der Bildhauer Moissey Kogan 1926 in der von Flechtheim begründeten Zeitschrift Der Querschnitt: „Die deutschen und anderen ausländischen Künstler, die den Ruhm des Cafés begründeten, leben wohl noch zum Teil hier und erscheinen sogar dann und wann hier. Das Café aber ist im übrigen völlig der Fremdeninvasion preisgegeben.“ Die Zeit des frühen Massentourismus war angebrochen, in der Paris für Hemingway zu einem „Fest fürs Leben“ wurde. „Ein starkes Kontingent der Bewohner der Dôme-Terrasse wird von Amerika gestellt, das im gleichen Maß wie der Dollar das stärkste Zahlungsmittel darstellt“, berichtet Kogan 1926 süffisant.

          Dennoch war das Café du Dôme auch in den Zwanzigerjahren noch ein bedeutender Handelsplatz und Treffpunkt deutscher Kunstreisender: Max Sauerlandt, seit 1919 Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg, berichtete im Mai 1927 seiner Frau aus Paris: „Was Du mir gewünscht hast und was ich selbst auch gern wollte, das ist zum Schluss noch über Erwarten gelungen, und zwar durch das Café du Dôme, wo wirklich alles sich trifft. Ich hatte mich vergeblich nach Otto Freundlich umgesehen. Da gehe ich gestern abend an einer Gruppe eifrig redender Leute vorbei und werde gleich aufs lebhafteste von dem Bildhauer Rudolf Belling begrüßt.“ Am selben Abend begegnete Sauerlandt im Dôme dem Herausgeber der Zeitschrift Das Kunstblatt, Paul Westheim, und dem Publizisten Carl Einstein.

          Neujahrspost 1926

          Moissey Kogan, der in der Rue de Bréa ein beengtes Zimmer bewohnte, nutzte das Café als Büro für seine Geschäftskorrespondenz: An Max Sauerlandt und Walter Müller-Wulckow, den Direktor des Landesmuseums Oldenburg, sandte er seine Neujahrsgrüße 1926 auf dem Briefpapier von „Café-Brasserie du Dôme“: „Das neue Jahr liegt noch im Dämmern, aber ich glaube es wird ein Jahr von Bewegung, Ortwechsel, Land und Menschen“, schreibt er nach Oldenburg: „Ich glaube, die Kunst kommt dabei nicht zum Einschlafen, es arbeitet innerlich weiter.“ Über seinen Berliner Kunsthändler Karl Nierendorf hatte Kogan an Müller-Wulckow eine Plastik senden lassen: „Ich würde mich freuen, die kleine Göttin in Ihrem Museum zu sehen.“ Der Terrakotta-Akt hat in Oldenburg die Zeit überdauert.

          Im Zweiten Weltkrieg fand das Café du Dôme als Treffpunkt der Künstler schließlich sein Ende. Carl Einstein und Walter Bondy starben im französischen Exil. Rudolf Levy war 1933 aus Deutschland nach Italien emigriert, wo er 1943 verhaftet wurde; er starb auf dem Transport nach Auschwitz. Moissey Kogan wurde 1943 aus Paris deportiert und in Auschwitz ermordet. Das Café du Dôme gibt es noch heute. Auch ohne Künstler erinnert sein Name an die heroische Zeit der Avantgarde.

          Der Autor ist Leiter des Niedersächsischen Landesmuseums für Kunst und Kultur­geschichte Oldenburg.

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