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„Growing Up“ in Polling :

          2 Min.

          In Polling nahe dem Starnberger See sind gut zwanzig neue Bilder von Clemens Kaletsch ausgestellt. Sie zu betrachten ist zunächst eine Begegnung mit dem Malerischen schlechthin - Farben und Formen fügen sich ineinander und finden zueinander.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Keine Botschaft springt einen aufdringlich aus ihnen an; kein banales Verständnis fordern die ziemlich großformatigen Gemälde einem ab. Sie sind zurückhaltend, von hoher Diskretion gewissermaßen (und in jedem Sinn des Wortes). Sie vermitteln jedoch intensive Anwesenheit, und sie sind stark, gerade in dieser verhaltenen Kraft.

          Leise und tief in den Bann gezogen

          Im imponierenden Raum des "FischerBaus" - dem wohl einzigen Profanbau, der vom bayerischen Barockbaumeister Johann Michael Fischer stammt - haben diese Bilder jetzt Mitspieler und Widersacher zugleich im einfallenden Licht und in den perfekten Proportionen des Barocks. Doch unter dem hohen Dach des einstigen Vorratshauses aus freitragenden Balken - diese dramatische Konstruktion konkurriert mit den Werken im Raum - behaupten sich die Bilder, die entlang der weißen Wände und auf den wenigen, quer dazu angeordneten Stellwänden gehängt sind. Sie holen die Konzentration ihres Betrachters zu sich zurück, ziehen ihn in ihren Bann, leise und tief.

          Clemens Kaletsch hat seiner Werkgruppe der vergangenen zwei Jahre den Titel "Growing Up" gegeben. Der Künstler, Jahrgang 1957, insinuiert damit einen Prozess des Heranwachsens, allerdings auch des Großziehens in seiner transitiven Bedeutung. Und was ihm eigentlich gelingt, ist ein Hineinziehen in sein Schaffen, in seine prismenhaften Imaginationen an der Grenze von Organischem und Anorganischem, Gestalt und Auflösung, Ding und Belebtem. In den Gemälden von Clemens Kaletsch ist stets der Bildhauer und der Zeichner anwesend, der er eminent ist; er erlegt sich die Disziplin der Zweidimensionalität auf und liefert sich der Malerei aus, um ihr den Raum, die dritte Dimension abzuringen. Seine Bilder speichern eine präzise Melancholie.

          Ein wenig zarter Geist

          Polling ist der Ort, der als Pfeiffering in Thomas Manns Roman "Doktor Faustus" erscheint: Hier steht der Bauernhof der Schweigestills, auf dem sich die Hauptfigur, der Tonsetzer Adrian Leverkühn, 1913 einquartiert. Jahre später lädt er Freunde dahin ein, um ihnen sein Oratorium "Doktor Fausti Weheklag" vorzustellen. Doch ehe Adrian beginnen kann, bricht er am Klavier mit einem Klagelaut zusammen, um nie mehr zu sich zu kommen. Das weitläufige Gehöft steht noch immer in Polling, mit dem Gebäudeflügel, wo dieses geschehen sein soll, und dem Haus, in dem Thomas Manns Mutter Julia - im wirklichen Leben - seit 1906 wohnte und in dem sich seine Schwester Carla am 30. Juli 1910 mit Zyankali das Leben nahm.

          Und auf ebendiesem Hof hatte Clemens Kaletsch vom Anfang der achtziger Jahre an sein Atelier, ehe er 1989 nach Köln zog, wo er seither lebt und arbeitet. Es existiert keinerlei direkter Bezug zwischen dieser Historie und Kaletschs neuen Gemälden; nur dass er sie in Polling ausstellt. Und ein wenig vom zarten Geist weht da schon herüber.

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