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Ergebnisse bei Grisebach : Rekorde und andere Widerfahrnisse

Die Mischung macht’s: Die Frühjahrsauktionen bei Grisebach in Berlin halten auch abgesehen von der Rekordversteigerung von Beckmanns „Ägypterin“ überwiegend positive Überraschungen bereit. Ein Blick auf die Ergebnisse.

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          Der Zuschlag für Max Beckmanns „Ägypterin“ bei 4,7Millionen Euro in eine – am Telefon aktive – Schweizer Privatsammlung hat sich inzwischen herumgesprochen (F.A.Z. vom 2. Juni). Überhaupt war das schöne Bildnis segensreich für die „Ausgewählten Werke“ bei Grisebach in Berlin; denn von vierzig Losen blieben achtzehn liegen, darunter hochdotierte wie Paula Modersohn-Beckers „Mädchen in Dämmerung mit karierter Bluse“ (300.000/400.000), Marc Chagalls „La joie“ von 1955/57 (500.000/ 700.000) und zwei Boteros (bis 240.000 und 300.000 Euro). Die Schätzungen zeigen, dass die Erwartungen der Einlieferer derzeit hochgeschraubt sind, angesichts des knappen Angebots in den Spitzen. Bei der kaufkräftigen Klientel, die es aktuell genauso gibt, geht die Rechnung aber nicht unbedingt auf; denn diese Gruppe ist enorm wählerisch.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Nicht verständlich ist allerdings der Rückgang von Gert Heinrich Wollheims starkem „Porträt Heinrich George“ (80.000/120.000), das wirklich einen Ort in Berlin verdient hätte. Oder von Max Liebermanns „Blick aus dem Wohnzimmerfenster des Künstlers auf die Straße Unter den Linden“ (90.000/120.000), auch wenn man weiß, dass Pastelle auf Papier wegen ihrer Lichtempfindlichkeit vor allem für Museen schwierig sind, weil sie nicht ständig gezeigt werden können.

          Gegen den Trend hielt Gabriele Münters Murnauer „Kohlgrubenstraße“ von 1908 mit dem Zuschlag bei 460.000 Euro (350.000/450.000) an eine bayerische Sammlung ebenso stand wie Karl Hofers „Putzmacherin“ von 1922 mit 280.000 Euro (280.000/350.000) und das eindringliche „Selbstbildnis mit geschlossenen Augen“ von Käthe Kollwitz mit 80.000 Euro (80.000/120.000).

          Die Moderne ließ ein Drittel der Lose auf der Strecke

          Die Sektion des 19.Jahrhunderts musste zwar auch knapp ein Viertel der 110 Lose wegstecken, aber das tut bei den Preisen nicht so weh. Zumal auch dort ein Star alles rausgerissen hat: Thomas Theodor Heines winziger Mops „Siegfried“ auf seinem riesigen Sessel schaffte ein Gebot von 230.000 Euro, gegenüber einer Taxe von 20.000 bis 30.000. Man durfte viel von dem Welpen erwarten, aber 287.500 Euro inklusive Aufgeld ist dann schon eine Ansage – zumal über einen Kunstmarkt, in dem echte Liebhaber alles geben, wenn sie es denn haben. Für „Siegfried“, der an Berlin privat ging, lagen allein schriftliche Gebote bis über 100.000 Euro vor. Menzels große rasante Kreidezeichnung „Die Schlittschuhläufer“ legte die erhoffte Performance hin bei 250.000 Euro (250.000/ 350.000), geboten von einem deutschen Museum. Und immerhin 28.000 Euro (5000/7000) schaffte eine kleine impressionistische Ölstudie auf Papier von Wilhelm Busch.

          Die Hauptauktion mit Moderne ließ knapp ein Drittel der 231 Lose auf der Strecke, darunter auch das Spitzenstück, Lotte Lasersteins Ölkreide „Dame mit roter Baskenmütze“, beherzt taxiert auf 50.000 bis 70.000 Euro. Liebermanns schräges „Bildnis Genia Levine“ von 1924 in Öl auf Holz hielt sich bei 24.000 Euro (25.000/35.000), Jeanne Mammens coole Federzeichnung zweier flotter „Reiterinnen“ bei 4500 Euro (2500/3500) und der reizende Seminarist „Tullio“, mit Bleistift gezeichnet von Karl Hofer 1925, bei 12.000 Euro (8000/12.000). Hans Hartungs furiose Farbkreide „P1963-3“ brachte es auf gute 27.000 Euro (15.000/ 20.000). Zu den Rückgängen zählten einige Blätter expressionistischer Graphik und auch eine knapp drei Meter hohe Installation „Osmose“ von Gerhard Hoehme (40.000/60.000).

          Die Zeitgenossen profilierten sich, bei 133 (von 185) verkauften Losen. Zum zweitteuersten Werk der gesamten Grisebach-Suite avancierte Anselm Kiefers Großformat „Für Velimir Chlebnikow“ beim Zuschlag von 700.000 Euro (700000/1 Million), gefolgt von Günther Ueckers Nagelbild „Interferenzen“ bei 610.000 Euro (500.000/700.000). Und Wolfgang Tillmans’ großer C-Print „Freischwimmer21“ von 2004 erfüllte genau seine Erwartungen mit 300.000 Euro (250.000/350.000). Eine echte Steigerung erfuhr Antonio Calderaras 16 mal 20 Zentimeter kleines Ölbild auf Holz, „Spazio Luce“ von 1959, durch ein Gebot von 75.000 Euro (30.000/40.000). Wie auch ein zurückhaltender „Farbraumkörper“ Gotthard Graubners von 1975; das Kissenbild kam auf 130.000 Euro (70.000/90.000). Keine Fortune hatten diesmal Sigmar Polkes Geschlechtsverkehr-Gouache „Ohne Titel (Münster 1973)“ (80.000/100.000) und eine „Vermalung (Braun)“ von Gerhard Richter (40.000/60.000) – beide Arbeiten waren in den Siebzigern Jahresgaben des Westfälischen Kunstvereins Münster.

          Noch einen Rekord kann die Foto-Auktion verzeichnen: Ein unbetiteltes Vintage-Fotogramm von Laszló Moholy-Nagy aus seiner Zeit am Bauhaus in Weimar wurde mit dem Hammerpreis von 390.000 Euro (300.000/500.000) zur teuersten je in Deutschland versteigerten Fotografie; der Käufer ist ein amerikanischer Privatmann. Die Gesamterwartung für die 1560 Lose hatte, gemäß den Taxen, bei 18,4 bis 25,5 Millionen Euro gelegen. Insgesamt musste Grisebach den Rückgang von 517 Losen in sieben Auktionen verkraften. Der Umsatz der vier Tage beträgt dennoch 23,5 Millionen Euro, wie stets inklusive des Käuferaufgelds von etwa zwanzig Prozent.

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