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Grisebach : Es gibt auch eine Küche

Mindestens fünfzehn Millionen Euro sollen eingespielt werden: Blick in die Kataloge der Frühjahrsauktionen bei Grisebach in Berlin.

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          In Berlin bleibt Grisebach beim traditionellen Konzept, sämtliche Sparten in einer Suite zu bündeln, in sieben Sektionen vom 29. Mai bis zum 1. Juni. Den Anfang macht, wie üblich, das 19. Jahrhundert, das mit 225 Positionen gut dasteht, wenngleich die Schätzungen bis höchstens zum mittleren fünfstelligen Bereich reichen. Dorthin gehört Fritz von Uhdes atmosphärisches Gemälde einer „Holländischen Nähstube“ von 1882 (Taxe 40.000/60.000 Euro). Beste Chancen auf eine Steigerung hat eine zauberhafte Porträtzeichnung des im Alter von nur 22 Jahren im Juni 1818 im Tiber ertrunkenen Frühromantikers Carl Philipp Fohr: Das psychologisch durchdrungene Porträt, datiert auf 1816, zeigt Fohrs zeitweiligen Herbergsgenossen in Rom, den später prominenten Landschaftsmaler Ludwig Sigismund Ruhl (25.000/35.000). Die Freunde überwarfen sich im Jahr darauf im Streit, so heißt es, um die Anrechte auf den Bernhardinerhund „Grimsel“, der in einem Pistolenduell gegipfelt haben soll. Das Blatt gehörte einst dem Darmstädter Eisenwarengroßhändler Karl Meyer, der 1933 emigrieren musste.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Es kam in eine Auktion bei Boerner, bei der es 1941 die Staatlichen Museen Berlin erwarben. Erst in diesem Jahr wurde es an Mayers Erben restituiert. Eine weitere, relativ großformatige Zeichnung von Fohr zeigt eine „Begegnung auf der Falkenjagd“, die von der Mittelalter-Sehnsucht der jugendlichen Romantiker zeugt (10.000/15.000). Neben jeder Menge Naturstudien, darunter Carl Gustav Carus’ Ölbild auf Papier eines „Weidenstamms mit Unterholz“ (25.000/35.000), stehen einige charmante Bildnisse von unbekannter Hand für moderate Preise, wie die „Kopfstudie“ eines Jünglings, um 1850 (1500/2000) oder der „Weibliche Studienkopf“ einer sinnenden jungen Frau, vielleicht von Karl Stauffer-Bern (4000/6000). Menzel ist auch dabei, mit dem Pastell eines noch jüngeren, offensichtlich enragierten „Herrn in Rokokotracht. In einem Sessel sitzend“, um 1850 (25000/35000).

          Der umfangreichste, aufwendig illustrierte Katalog gilt der „Orangerie“ am 30.Mai, unter dem Motto „bauhaus forever!“ Es ist ein Kompendium mit vielen Fotografien, Graphiken und Kleinwerken, für dessen Inhalt mit mehr als zweihundert Positionen wahre Bauhaus-Fans bestimmt Geduld aufwenden werden. Dort findet sich, zum Beispiel, eine formklare Messing-„Aschenschale“ von Marianne Brandt aus dem Jahr 1924 (40.000/60.000). Weitere Spitzenstücke sind Originale von Wilhelm Wagenfeld wie die – in ihren Nachbauten omnipräsente – „Tischlampe aus Glas“ (10.0000/ 150.000) oder ein fast vollständiges, silbernes Tee- und Kaffeeservice des Goldschmiedemeisters Naum Slutzky (180.000/240.000). Und zu haben ist eine – bis auf die Arbeitsplatte – originale „Frankfurter Küche“ der Margarete Schütte-Lihotzky (18.000/20.000). Interessant ist das Konvolut aus dem Nachlass des 1893 in Frankfurt geborenen, bisher wenig bekannten Ludwig Hirschfeld-Mack, der 1920 ans Bauhaus in Weimar kam, dann als Pädagoge wirkte; 1936 emigrierte er nach England, um schließlich in Australien anzukommen. Darin finden sich eigene Arbeiten, wie lustige Entwürfe kostümierter Figurinen von 1920/21 (Taxen 2000 bis 5000 Euro), aber auch von Weggefährten, wie eine in wenigen Strichen perspektivischen Reiz entfaltende Tuschezeichnung von Josef Albers aus dem Jahr 1955 (10.000/12.000).

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