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Auktionshaus Grisebach : „Es geht darum, ein Lebensgefühl zu verkaufen“

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Über die Grafik- und die Fotografie-Abteilung an die Spitze: Grisebach-Chefin Diandra Donecker Bild: Grisebach / René Fietzek

Mit Anfang dreißig gehört sie zu den wichtigsten Führungskräften des deutschen Kunstmarkts. Diandra Donecker erklärt, wie sie das Auktionshaus Grisebach durch die Corona-Krise führt und welche Pläne sie für die Zukunft hat.

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          Diandra Donecker sitzt in ihrem Büro, mit Blick in den Garten der Villa Grisebach. Um ihren Schreibtisch herum hat sie sechs farbige Stühle arrangiert; hier soll ein Ort der Kommunikation sein, sagt sie, für alle Mitarbeiter. Mit Anfang dreißig gehört Donecker als Partnerin und leitende Geschäftsführerin des Auktionshauses Grisebach in Berlin zu den wichtigsten Führungskräften des deutschen Kunstmarkts. Die Kunsthistorikerin hat eine steile Karriere hingelegt. Hospitanzen und Volontariate führten sie ans Metropolitan Museum in New York und zu Christie’s. Ihre Magisterarbeit schrieb sie in München über niederländische Druckgraphik. Florian Illies, der frühere Geschäftsführer von Grisebach, machte sie zur Juniorexpertin der Grafik-Abteilung des Hauses. Bald stieg sie zur Leiterin der Sektion Fotografie auf. Im Jahr 2019 ernannte der Grisebach-Mitbegründer Bernd Schultz sie zur Nachfolgerin von Illies.

          Wie hat sich das Haus in der Fasanenstraße seitdem entwickelt? Die Frühjahrsauktionen 2019 verliefen etwas holprig: Der Umsatz von 15,3 Millionen Euro für die mehr als tausend Lose blieb hinter den Erwartungen zurück. Donecker spricht von einer Phase des Herantastens für sie, nach der sie das Führungsteam – neben ihr besteht es aus Micaela Kapitzky, Markus Krause und Rigmor Stüssel – sowie die Auktionen neu ordnete. Die Anzahl der Lose wurde verringert; die Vorbesichtigungen anders organisiert. Die Kataloge sollen nun Geschichten hinter der Kunst erzählen. Das habe Wirkung gezeigt, meint Donecker und verweist auf die Herbstauktionen 2019, in denen neunzig Prozent der Lose verkauft wurden. Auch mit dem Ergebnis des Frühjahrs 2020, das für 666 Lose sechzehn Millionen Euro einspielte, sei sie zufrieden. Allerdings hatte die Konkurrenz Ketterer ihr Haus auf den zweiten Rang in Deutschland verwiesen und den Aufstieg in die Top Ten der weltweit größten Auktionshäuser geschafft.

          Kunstkauf in einem erweiterten Kontext

          Hoffnungen setzt Donecker dabei auf die „Orangerie“-Sektion, die voraussichtlich im kommenden Herbst mit neuem Konzept wiedereröffnet. Die Herbstauktion 2020 habe mit dem Umsatz von 17,2 Millionen Euro für gut neunhundert Lose gezeigt, dass die Corona-Pandemie und der mit ihr verbundene Wandel im Auktionsgeschäft auch Potential freisetze: „Trotz der allgemeinen Krise im Kunstmarkt sind unsere Ergebnisse nicht schlechter geworden. Im Herbst waren wir auf Rekordjagd bei vielen Künstlern.“ Ähnliche Erfolge wünscht sie sich für die Sommerauktionen im Juni.

          Aber Diandra Donecker hat noch mehr vor. Bei Grisebach soll der Kunstkauf künftig in einem erweiterten Kontext stattfinden: „Kunstsammler interessieren sich auch für Kunsthandwerk, Schmuck und Mode. Es geht darum, ein Lebensgefühl zu verkaufen.“ Der Kunsthandel in Deutschland solle die Nähe zur Luxusgüterindustrie suchen und dabei seine Stärke, das kunsthistorische Wissen, betonen. Diese Expertise, verbunden mit der Treue der Kunden, habe Grisebach bisher erfolgreich durch die Pandemie geführt.

          „Never waste a good crisis“ heißt Diandra Doneckers Motto. Sie glaubt, dass die Auktionshäuser in Deutschland viele Entwicklungen des weltweiten Sekundärmarkts verpasst hätten und jetzt den großen Sprung wagen und auf Digitalisierung und Internationalisierung setzen müssen. Bei Grisebach habe das in den vergangenen Monaten funktioniert: Reine Online-Auktionen, die einmal im Monat stattfinden, hätten mittlerweile eine Verkaufsquote von neunzig Prozent und zögen Neukunden an. Die Reichweite der Website habe sich deutlich vergrößert. Diandra Doneckers Zukunftsstrategie für das Haus ruht auf drei Säulen: Sie will die Präsenz von Grisebach in den sozialen Medien stärken; deshalb hat sie den Instagram-Account ausbauen lassen und einen Podcast gestartet, in dem Prominente über Kunst sprechen, zum Beispiel Deborah Feldman oder Max Raabe. Die zweite Säule sind Veranstaltungen in der Villa, etwa Salons und Vortragsabende für Kunstsammler. Darüber hinaus hat sie das „Grisebach Schaufenster-Projekt“ initiiert, das noch bis zum 28. März im Zwei-Wochen-Rhythmus das Haus in einen alternativen Kunstraum verwandelt. An dem Projekt nehmen zeitgenössische Künstler wie Alexander Iskin, Gerd Rohling und Sarah Illenberger teil und bespielen öffentlich die Schaufenster des Aktionshauses mit Kunst und Performances.

          Über die Digitalisierung hinaus

          Teil drei der Strategie zielt auf die Gewinnung junger Käufergruppen, die Donecker mit „Online Only“-Auktionen an das Haus binden will. Dafür sollen die schon lange bestehenden Versteigerungen mit Losen unter dreitausend Euro digital weiter ausgebaut und ein moderneres Programm angeboten werden. Ein erster Schritt in diese Richtung war die Reihe „Contemporary Editions Online Only“. Donecker ist überzeugt davon, dass digitale Auktionen dann funktionieren, wenn sie ebenso sorgfältig betreut werden wie ihre analogen Pendants.

          Die Geschäftsführerin sammelt auch selbst Kunst. Besonders schätzt sie Arbeiten auf Papier, ihrer „dramaturgischen Dichte“ wegen. Außerdem hat sie eine kleine fotografische Kollektion zusammengestellt, in deren Mittelpunkt Porträts stehen. Dass die Fotografie ihre Leidenschaft ist, konnte sie bei Grisebach schon als Leiterin der entsprechenden Abteilung beweisen. Während ihre Ernennung von den Kolleginnen und Kollegen zustimmend aufgenommen worden sei, habe sie anfangs auch mit Missverständnissen zu tun gehabt: „Ein Kunde, der einen Termin mit mir hatte, dachte bei der Begrüßung, dass ich die Sekretärin von Frau Donecker wäre. Er hatte nicht mit einer so jungen Frau gerechnet“, erzählt sie und lacht.

          Obwohl sie lange Zeit dagegen war, spricht sie sich inzwischen für eine Frauenquote aus. „Auch der Kunsthandel muss diverser werden. Eine Quote ist ein Lerninstrument, das die Diversifizierung beschleunigt“, sagt sie. Denn der deutsche Kunstmarkt müsse auf eine zunehmend internationale Käuferschaft reagieren und sich entsprechend reformieren. Das motiviere sie jeden Tag bei ihrer Arbeit.

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