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Grand Slam statt Petites Mains : König Anselm für Dior

  • -Aktualisiert am

Nachdem Galliano seinen Platz wegen antisemitischer Äußerungen räumen musste, schmückt sich der Modekonzern nun mit einem neuen Künstler: Es ist Anselm Reyle.

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          Ein solches Beben hatte die Haute Couture noch nie erlebt: Im Frühjahr 2011 leistete sich der Designer des Modehauses Dior, John Galliano, einen öffentlichen Totalausfall. Betrunken saß er in einem Lokal und stieß antisemitische Unflätigkeiten in Richtung des Nebentischs aus. Dabei wurde ihm die moderne Technik zum Verhängnis: Einer der Beschimpften ließ die Handykamera laufen, und alles wurde öffentlich. Die Geschichte kennt man, Galliano wurde gefeuert - und statt seiner zeigten sich die zahllosen weißbekittelten Schneiderlein, die hinter jeder Kollektion stehen, am Ende der ersten Präsentation ohne den Meister auf der Bühne und verbeugten sich vorm Publikum: eine hübsche Geste, die jedoch kaum geeignet war, den harschen Verlust an Prestige und Geld, der über die Marke hereinbrach, auch nur im Geringsten zu kompensieren. Niemand sprach fortan mehr über die Mode von Dior, alle nur noch über den Skandal.

          Die Schockstarre dauerte ein paar Monate, doch zum Jahreswechsel kam eine neue Losung aus der Avenue Montaigne: Grand Slam statt Petites Mains. „Der Artist ist tot, es lebe der Künstler!“, scheint man sich in Paris gedacht zu haben und verpflichtet nun einen, der jung ist und international begehrt und der in den vergangenen Jahren im Kunstbetrieb alles richtig gemacht hat. Der Berliner Anselm Reyle entwirft Accessoires für Dior, die im Dezember zur Art Basel Miami Beach erstmals präsentiert wurden: schräg gesteppte „Lady Dior“-Taschen und Schuhe, Lidschatten mit Camouflagemuster in Lila, Schwarz und Grau. Reyle scheint die perfekte Wahl: Der 1970 in Tübingen geborene Künstler kennt sich aus mit glänzenden Oberflächen, aber ebenso mit der Pragmatik von Gebrauchsgegenständen - seine jüngsten Werke, die er in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts zeigte, waren mit bunten Stoffen neu bezogene Memphis-Sofas.

          A match made in heaven, so sieht es aus: das Traditionshaus mit dem verzweifelten Wunsch nach Rückkehr in die Königsklasse des Konsums und ein Künstler, der die unablässige Produktion immer neuer eleganter Ware zur Triebfeder seines erfolgreichen Tuns gemacht hat. Wie sagte Warhol, dem diese Kooperation wohl gefallen hätte, doch einst? „Ich würde lieber ein Kleid als ein Bild kaufen und an die Wand hängen.“ Wer weiß, was sich Dior und Reyle noch alles einfallen lassen.

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