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Giambolognas Mars : Der Kriegsgott gehört nach Dresden

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Giambolognas „Mars“ in einer Ausstellung 2006 in Dresden. Bild: Arrigo Coppitz

Der Konzern Bayer will die berühmte Mars-Statuette des Renaissancekünstlers Giambologna in London versteigern. Das Meisterwerk soll Anfang Juli bei Sotheby’s unter den Hammer kommen. Die Entscheidung ist umstritten.

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          Ende März 2016, also wenige Monate vor Inkrafttreten des neugefassten Kulturschutzgesetzes, hieß es über die Kunstsammlung des Pharma- und Agrarchemiekonzerns Bayer, dass sie zweitausend Kunstwerke umfasse, von Picasso über Warhol bis Gerhard Richter – und dass zu dieser „Sammlung Bayer“ auch eine Statuette des Gottes Mars vom Renaissancekünstler Giambologna gehört. Im Jahr 2013 war diese Bronzefigur noch in einer Ausstellung im Berliner Gropiusbau zu sehen.

          Umso überraschender ist es, dass das Meisterwerk nun am 4. Juli in London bei Sotheby’s zur Auktion kommen soll – als ein Höhepunkt der aktuellen Saison. Diese Einschätzung lässt sich auch daran ermessen, dass der knapp vierzig Zentimeter hohen Kleinbronze ein eigener Katalog gewidmet ist. Der Schätzpreis beträgt drei bis fünf Millionen Pfund, das sind 3,4 bis 5,7 Millionen Euro.

          Über die Herkunft dieses Werks sind wir bestens informiert. Zusammen mit drei weiteren Bronzen Giambolognas, des aus den Niederlanden stammenden Hofkünstlers der Medici, war der Mars 1587 anlässlich des Regierungsantritts von Kurfürst ChristianI. nach Dresden an den sächsischen Hof gelangt. Im Unterschied zu den drei anderen Bronzen handelte es sich beim Mars allerdings nicht um ein Geschenk von FrancescoI. de’ Medici, dem Großherzog der Toskana, sondern um ein persönliches Geschenk Giambolognas an den sächsischen Kurfürsten. Dieser bedankte sich beim Bildhauer als Gegengeschenk mit einer Goldkette. 1587 wird die Statuette im Dresdner Kunstkammerinventar beschrieben als ein „mößingk gegoßen Bildtnus Martis, hat Johan Pollonia S(einer) Churf(ürstlichen) Gn(aden) zugeschickt“. Giambologna hat mit dieser kraftvollen und dynamisch bewegten Darstellung des Kriegsgotts eines seiner künstlerisch bedeutendsten und berühmtesten kleinplastischen Werke geschaffen.

          Während die drei anderen Kleinbronzen – Merkur, eine schlafende Nymphe und eine Gruppe mit Nessus und Deianira – noch heute zu den Hauptwerken des Grünen Gewölbes und der Dresdner Skulpturensammlung gehören, wurde der Mars 1924 im Rahmen der sogenannten Fürstenabfindung aus diesem einzigartigen Ensemble herausgelöst und an den „Familienverein Haus Wettin“ abgegeben. Kurz danach gelangte er auf den Kunstmarkt und wurde 1927 durch den Generaldirektor der Chemischen Werke Griesheim-Elektron, Theodor Plieninger, erworben; die Firma gehörte damals bereits zur I.G.Farben.

          Die Griesheim-Elektron schenkte die Bronze ihrem Vorstandsmitglied Constantin Jacobi anlässlich eines Jubiläums. Die Statuette verblieb in dessen Familie, wurde 1972 an den ältesten Sohn Walter Jacobi vererbt und von diesem 1988 der BayerAG geschenkt. Bereits in den sechziger Jahren gab es allerdings ernsthafte Bestrebungen, den Mars, falls er jemals zum Verkauf stehen würde, für die Berliner Skulpturensammlung zu erwerben. Lisel Jacobi, die Witwe des vormaligen Besitzers, brachte die Bronze damals 1966 im Handgepäck von Frankfurt am Main zur Begutachtung nach Dahlem.

          Eine Schenkung verkaufen?

          Noch im vergangenen Jahr konnte man auf der Internetplattform von „Bayer/Kultur“ zu der Kleinbronze lesen: „Der Bayer-Vorstand erhielt die Skulptur des Mars in den achtziger Jahren als Schenkung eines Bayer-Mitarbeiters – mit der Auflage, sie in einem repräsentativen Bereich des Unternehmens zu zeigen.“ Die Funktion als exklusives Geschenk hat für den Mars somit eine lange Tradition. Allerdings war er zu diesem Zeitpunkt sehr wahrscheinlich schon nicht mehr in Deutschland. Zuvor jedenfalls war die Bronze nach dem Mauerfall mehrfach in Dresden zu Besuch, zuletzt 2006/07 im Rahmen der Ausstellung

          „Giambologna in Dresden – die Geschenke der Medici“. Im Frankfurter Liebieghaus hatte sie sogar ein Solo-Gastspiel, über das in dieser Zeitung ausführlich berichtet wurde. Dieter Bartetzko schrieb dazu am 29.Oktober 2003: „Schön, dass wenigstens bis zum April 2004 dieser Dresdner Mars einmal nicht nur von wenigen in der Bayer-Vorstandsetage bewundert werden kann.“

          In Anbetracht der einzigartigen Provenienz stellt sich nun die Frage, weshalb der Mars nicht dauerhaft eine Bleibe in Dresden finden konnte. Es sieht so aus, als ob die BayerAG keinen Versuch unternommen hat, mit Dresden – wo sich die Bronze mehr als dreihundert Jahre befunden hat – in Kontakt zu treten, um sie dort durch Verkauf, als Leihgabe oder eben als Geschenk dauerhaft zu verankern: an einem Ort, an dem Fragen des Umgangs mit dem kulturellen Erbe stärker präsent sind als in den meisten anderen Teilen Deutschlands.

          Ebenso stellt sich aber die Frage, auf welcher Grundlage die vorherige Landesregierung in Nordrhein-Westfalen für ein Kunstwerk dieses Rangs einen dauerhaften Export genehmigen konnte. Zumal in Kenntnis des – wahrlich nicht von heute auf morgen erfolgten – Inkrafttretens des Kulturschutzgesetzes hätte man doch erst recht hellhörig sein müssen.

          Irritierend ist das aktuelle Vorgehen der BayerAG zudem auch deshalb, weil in Deutschland durchaus marktgerechte Preise für höchstrangige Kunstwerke bezahlt wurden und werden. Als Beispiel sei hier nur eine dem Mars in ihrer Bedeutung durchaus vergleichbare Bronze der Spätrenaissance genannt, nämlich der großformatige Merkur von Hubert Gerhard: ein auf der Liste des national wertvollen Kulturguts verzeichnetes Werk, das 2012 von der Ernst von Siemens Kunststiftung für rund fünf Millionen Euro für das Bayerische Nationalmuseum erworben werden konnte.

          Im Hinblick auf den „Wettiner Mars“, wie er innerhalb der Bronzen- und Giambologna-Forschung traditionell bezeichnet wird, bleibt festzuhalten, dass der Bayer-Konzern, sollte es zu dieser Londoner Versteigerung kommen, ein zum kulturellen Erbe Deutschlands zählendes, kunst- und kulturhistorisch einzigartiges Werk dem internationalen Kunstmarkt ausliefert – und damit eine Rückkehr nach Dresden unwahrscheinlich macht. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass vor wenigen Tagen im Semperbau in Dresden eine sehr sehenswerte Ausstellung mit dem Titel „Schatten der Zeit – Giambologna, Michelangelo und die Medici-Kapelle“ eröffnet hat.

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